Mensch im Anthropozän

Wir publizieren hier im Folgenden einen Beitrag der Jungen Welt vom 29. Mai 2018, der nebst des sozioökonomischen Diskurses auch die Umweltfrage prägnant zu formulieren vermag. Es ist hier zu nennen, dass diese von Klaus Dräger ins Deutsche übersetzte Fassung des Textes, eine stark gekürzte Version des Artikels »The long ecological revolution« von John Bellamy Foster aus der Monthly Review (Volume 69, Issue 6) vom November 2017. Der vollständige Text ist im Internet abrufbar unter https://monthlyreview.org/2017/11/01/the-long-ecological-revolution
Vorabdruck. Die kapitalistische Produktionsweise untergräbt die Lebensgrundlagen dieses Planeten. Ein Überleben der Menschheit sichert nur eine lange ökologische Revolution gegen das Akkumulationsregime
Von John Bellamy Foster

Ende dieser Woche erscheint Heft 114 der Zeitschrift Marxistische Erneuerung. Wir veröffentlichen daraus leicht gekürzt den Aufsatz des Soziologen und Ökosozialisten John Bellamy Foster. Die neue Ausgabe kann unter www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de bestellt werden. (jW)

Bis zum Aufstieg der Ökologiebewegung im späten 20. Jahrhundert war die Beherrschung der Natur eine weitverbreitete Metapher, die oft mit dem Fortschritt im Kapitalismus (und manchmal im Sozialismus) gleichgesetzt wurde. Sicher, diese Vorstellung, so wie sie in den (Natur-)Wissenschaften verwendet wurde, war komplex. Wie Francis Bacon (1561–1626) als der führende frühe Anhänger dieser Idee es ausdrückte: »Die Natur kann nur bezwungen werden, indem man ihr gehorcht.«
Überschreitung natürlicher Grenzen

Nach den großen Dichtern der Romantik waren die Begründer des klassischen historischen Materialismus, Karl Marx und Friedrich Engels, während der industriellen Revolution die entschiedensten Gegner der Idee der Naturbeherrschung. Marx merkte an, Bacons Maxime kommentierend, dass im Kapitalismus die Erforschung der Natur eigenen Gesetze »nur als eine List erscheint, um sie menschlichen Bedürfnissen zu unterwerfen«, insbesondere den Zwecken der Akkumulation. Doch trotz dieser raffinierten »List« kann das Kapital nie völlig die materiellen Grenzen der Natur überwinden, die sich immer wieder geltend machen. Sein Umgang mit natürlichen Grenzen als bloßen Hindernissen, die überwunden werden sollen, und nicht als tatsächliche Grenzen, verleiht dem Kapital seinen enorm dynamischen Charakter. Jedoch bedeutet die gleiche Weigerung, natürliche Grenzen anzuerkennen, dass das Kapital dazu tendiert, kritische Schwellen ökologischer Nachhaltigkeit zu überschreiten, und damit unnötige und bisweilen unumkehrbare Zerstörungen verursacht. Im »Kapital« wies Marx auf solche Brüche im sozial-ökologischen Stoffwechsel von Menschheit und Natur hin, die durch die Akkumulation des Kapitals erzeugt werden. Und auf die Notwendigkeit, diesen Stoffwechsel durch eine nachhaltigere Beziehung zur Erde wiederherzustellen, indem man den Planeten als »Boni patres familias« (gute Familienväter) für kommende Generationen von Menschen erhält und sogar verbessert.

In letzter Zeit ist diese Thematik mit der Klimakrise und der Einführung des »Anthropozäns« als wissenschaftlicher Klassifizierung des veränderten Verhältnisses des Menschen zum Planeten erneut relevant geworden. Das Anthropozän wird innerhalb der Wissenschaft allgemein als neue geologische Epoche definiert, die der Epoche des Holozäns der letzten 12.000 Jahre nachfolgt – ein Übergang, der seit dem Zweiten Weltkrieg durch einen »anthropogenen Riss« im Erdsystem gekennzeichnet ist. Nach Jahrhunderten eines Wissenschaftsverständnisses, das auf der Beherrschung der Natur beruht, haben wir nun unbestreitbar ein qualitativ neues und gefährliches Stadium erreicht, welches durch das Aufkommen von Atomwaffen und des Klimawandels gekennzeichnet ist – was der marxistische Historiker E. P. Thompson als »Exterminismus, die letzte Stufe des Imperialismus« bezeichnet hat.

Aus ökologischer Sicht markiert das Anthropozän – für das nicht nur die Klimakrise steht, sondern allgemein für die Überschreitung der natürlichen Grenzen des Planeten – die Notwendigkeit einer kreativeren, konstruktiveren und koevolutionären Beziehung zur Erde. In der ökosozialistischen Theorie erfordert dies die Rekonstitution der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit auf einer egalitären und nachhaltigen Basis. Es bedarf einer langen und anhaltenden ökologischen Revolution, die sich notwendigerweise in Etappen über Jahrzehnte und Jahrhunderte erstrecken wird. Angesichts der Bedrohung der Erde als Lebensraum für Menschen – bedingt durch Klimawandel, Übersäuerung der Ozeane, Artensterben, Verlust von Süßwasser, Entwaldung, Umweltvergiftung und vieles mehr – erfordert diese Transformation eine sofortige Umkehr im Akkumulationsregime. Dies bedeutet, sich der Logik des Kapitals zu widersetzen, wann immer und wo immer es die »kreative Zerstörung« des Planeten fördern will.

Solch eine Wiederherstellung der Gesellschaft im allgemeinen kann nicht bloß durch technologische Mittel erfolgen, sondern muss den Stoffwechsel des Menschen mit der Natur durch die Produktion und damit den gesamten Bereich der »sozialen metabolischen Reproduktion« transformieren. In unserer Zeit wird dem ökologischen Marxismus oder dem Ökosozialismus – als der umfassendsten Antwort auf die strukturelle Krise unserer Ära – die kapitalistische Ökomoderne gegenübergestellt. Diese schließt an eine frühere Ideologie der Moderne an, die sich von Anfang an gegen die Vorstellung wehrte, dass das Wirtschaftswachstum mit »Grenzen der Natur« konfrontiert ist. Während der Ökosozialismus darauf besteht, dass eine Revolution zur Wiederherstellung einer nachhaltigen Beziehung der Menschheit zur Erde einen Frontalangriff auf das System der Kapitalakkumulation erfordert – und dies nur durch egalitäre gesellschaftliche Verhältnisse und bewusste koevolutionäre Beziehungen zur Erde erreicht werden kann – verspricht der Ökomodernismus das genaue Gegenteil.

Das beste aktuelle Beispiel dieser Tendenz auf der Linken in den Vereinigten Staaten ist die Sommerausgabe 2017 der Zeitschrift Jacobin mit dem Titel »Earth, Wind and Fire«. Nach Ansicht der Autoren in diesem Sonderheft ist die Bewältigung des Klimawandels und anderer ökologischer Probleme in erster Linie von Innovationen bei der Entwicklung und Anwendung neuer Technologien abhängig und erfordert keine Kritik am Prozess der Kapitalakkumulation oder am Wirtschaftswachstums selbst.

Bemerkenswert an der Sonderausgabe von Jacobin ist, wie weit Autoren und Herausgeber von einem genuinen Sozialismus entfernt sind – sofern es dabei um eine Revolutionierung der sozialen und ökologischen Verhältnisse geht, die auf eine Welt substantieller Gleichheit und ökologischer Nachhaltigkeit abzielt. Was uns statt dessen angeboten wird, ist eine mechanistische, techno-utopische »Lösung« für das Klimaproblem, die das gesellschaftlich bedingte Verhältnis von Wissenschaft und Technologie genauso ignoriert, wie die menschlichen Bedürfnisse und die weitere Umwelt. Anders als der ökologische Marxismus und die radikale Ökologie im allgemeinen stellt diese Vision einer staatlich gelenkten, technokratischen, umverteilenden Marktwirtschaft, die durch Geoengineering verstärkt wird, das System der (kapitalistischen) Warenproduktion nicht grundsätzlich in Frage. Die ökologische Krise, die durch den Kapitalismus verursacht wurde, wird hier als Rechtfertigung verwendet, um alle ernsthaften ökologischen Werte beiseite zu schieben. Ein so konzipierter Sozialismus unterscheidet sich kaum vom Kapitalismus – er ist keine Bewegung, welche die verallgemeinerte Warengesellschaft ersetzt, sondern eine, die der Grundstruktur der kapitalistischen Moderne entspricht. Im besten Fall stellt dies eine Verkürzung der sozialistischen Vision dar, um in der liberalen politischen Arena erfolgreich zu sein. Aber die Kosten eines solchen Kompromisses mit dem Status quo bedeuten den Verlust jeglicher Vorstellung von einer alternativen Zukunft.
Ökologische Planung

Wie also sehen wir die notwendige ökologische und soziale Revolution unserer Zeit? Engels betonte im 19. Jahrhundert, das Gebot, dass die Gesellschaft sich im Einklang mit der Natur entwickeln müsse, sei die einzig genuin wissenschaftliche Sichtweise: »Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze, und in der damit gegebenen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen. Es gilt dies mit Beziehung sowohl auf die Gesetze der äußern Natur wie auf diejenigen, welche das körperliche und geistige Dasein des Menschen selbst regeln – zwei Klassen von Gesetzen, die wir höchstens in der Vorstellung, nicht aber in der Wirklichkeit voneinander trennen können.«¹ Vielmehr: Es gibt keine Möglichkeit, den Naturnotwendigkeiten ein Schnippchen zu schlagen. Engels argumentierte, dass die Baconsche »List« der Naturbeherrschung – den Naturgesetzen zu gehorchen mit dem einzigen Zweck, die Akkumulation des Kapitals zu fördern – sich letztlich als zerstörerisch erweisen würde, weil dies langfristige Konsequenzen ignoriere. Im Unterschied dazu ging es dem »wissenschaftlichen Sozialismus« nicht um den vergeblichen Versuch, die Natur zu unterwerfen, sondern vielmehr um die Förderung der menschlichen Freiheit in Übereinstimmung mit den Bedingungen, die uns die materielle Welt auferlegt.

Heute hat das wachsende Bewusstsein für solche Probleme – und für die unabweisbare Abhängigkeit der Menschheit von der natürlichen Welt – Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen dazu geführt, nachhaltigere Formen der Entwicklung zu erforschen, etwa in der Agrarökologie, Bionik und Ökosystemtheorie. »Das übergeordnete Ziel einer ökologischen Gesellschaft«, schreiben Fred Magdoff und Chris Williams, »besteht darin, eine gesunde Biosphäre zu erhalten und gleichzeitig menschlichen Bedürfnissen gerecht zu werden.«² Dies ist keine unmögliche Aufgabe, aber sie erfordert die Entwicklung der Wissenschaft auf einer höheren Ebene. Also eine, die sich nicht nur mit mechanischer Bearbeitung der Erde und ihrer Bewohner für privaten Gewinn befasst, sondern auf dem Verständnis für und der Sorge um die komplexen Kollektive beruht, die lebende Systeme und menschliches Leben selbst ausmachen. Dies erfordert eine ökologische Planung. Die ist aber nur dann möglich, wenn sich auch die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern – indem »Freiheit« so definiert wird, dass dies Bedürfnisse einschließt, die tiefer und breiter angelegt sind als solche, die den individuellen Eigennutz in einer Warenwirtschaft verfolgen. Das bedeutet, dass wir uns nicht vor der Klimakrise – wie katastrophal auch immer ihre wahrscheinlichen Folgen sein mögen – wegducken und die bisherigen Einstellungen zum Verhältnis zwischen Mensch und Natur beibehalten dürfen, die die gegenwärtigen beispiellosen Bedrohungen der menschlichen Zivilisation hervorgebracht haben. Denn dann wäre unser Schicksal besiegelt.
System der Vergeudung
Marx to go 1

Wir können den langfristigen ökologischen Folgen der kapitalistischen Entwicklung nicht entkommen durch den faustischen Pakt, immer mehr Atomkraftwerke auf der ganzen Welt zu bauen, oder indem wir rücksichtslos Schwefelpartikel in die Atmosphäre pusten – alles zum Zwecke der ungeheuer wachsenden Warenwirtschaft und der Kapitalakkumulation. Abgesehen davon, dass diese aus technischen und wirtschaftlichen Gründen nicht realisierbar sind, müssen solche Pläne wegen der immensen, unvorhergesehenen Auswirkungen, die unweigerlich eintreten würden, abgelehnt werden. Für die CCS-Technologie³ als primäre Lösung für die Klimakrise zu plädieren (es steht außer Frage, dass eine solche Technologie begrenzt eine positive Rolle spielen könnte), bedeutet zum Beispiel, dafür zu werben, für diese Anlagen immense Mengen an Ressourcen zur Verfügung zu stellen – in einer Größenordnung, die jener für die gesamte bestehende Energieinfrastruktur der Welt entspricht, mit allen möglichen zusätzlichen ökologischen wie sozialen Kosten und Folgen.

Der bessere und schnellere Weg, der Klimakrise zu begegnen ist eine Revolutionierung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Darüber hinaus ist jeder angeblich sozialistische Ansatz zur Lösung der Umweltprobleme mit einem Mangel an Courage behaftet, der sich nur auf den Klimawandel konzentriert, dabei die Existenz anderer planetarischer Grenzen ignoriert oder sogar ablehnt, und ansonsten auf rein technologische Lösungen setzt. Dies ist die Weigerung, sich einem neuen, weiteren Bereich der Freiheit zu öffnen, um der Herausforderung zu begegnen, die uns die historische Realität heute auferlegt. Die Menschheit kann sich im 21. Jahrhundert nicht weiterentwickeln, ohne sich mehr kollektive und nachhaltige Formen der Produktion und des Konsums im Einklang mit biosphärischen Realitäten zu eigen zu machen.

Hier ist es wichtig zu erkennen, dass der heutige Monopolfinanzkapitalismus ein System ist, das auf Verschwendung aufgebaut ist. Der größere Teil der Produktivkräfte wird für negative (oder spezifisch kapitalistische) Gebrauchswerte vergeudet, in Form von Militär- und Marketingausgaben und die in jedes Produkt, einschließlich seines eingeplanten Verfallsdatums, eingebauten Ineffizienzen. Der Konsum von immer sinnloseren und destruktiven »Gütern« wird als Ersatz für alles angeboten, was die Menschen wirklich wollen und brauchen. Wie der marxistische Ökonom Paul A. Baran schrieb: »Menschen, die von der Kultur des Monopolkapitalismus durchdrungen sind, wollen nicht, was sie brauchen, und brauchen nicht, was sie wollen.«⁴

Abgesehen von den bloßen physischen Notwendigkeiten wie Nahrung, Unterkunft, Kleidung, sauberem Wasser, sauberer Luft usw. gehören dazu Liebe, Familie, Gemeinschaft, sinnvolle Arbeit, Bildung, kulturelles Leben, Zugang zur natürlichen Umwelt und die freie und gleichberechtigte Entwicklung jeder Person. Die kapitalistische Ordnung begrenzt oder pervertiert all dies, indem sie eine künstliche Verknappung bei lebensnotwendigen Gütern schafft, um ein triebhaftes Verlangen nach unwesentlichen Dingen zu erzeugen – alles zum Zweck größerer Profitabilität mit der Folge wachsender Vermögensungleichheit. Allein die Vereinigten Staaten geben derzeit jährlich mehr als eine Billion Dollar für Militär und Marketing aus – letzteres zielt darauf ab, Menschen dazu zu bringen, Dinge zu kaufen, die sie sonst nicht kaufen würden.

Es besteht kein Zweifel, dass die gegenwärtige planetare ökologische Krise technologischen Wandel und Innovation erfordert. Verbesserungen bei der Nutzung von Sonnen- und Windenergie und andere Alternativen zu fossilen Brennstoffen sind ein wichtiger Teil des ökologischen Ausgleichs. Es ist jedoch nicht wahr, dass alle Technologien, die benötigt werden, um den planetaren Notstand zu bewältigen, neu sind, oder dass technologische Entwicklung allein die Antwort ist. Trotz der Wunder intelligenter Maschinen gibt es keine Lösung für die globale ökologische Krise als Ganzes, die mit den kapitalistischen Gesellschaftsverhältnissen vereinbar ist. Jegliche ökologische Verteidigungslinie, die in der Gegenwart errichtet wird, muss sich gegen die Logik der Kapitalakkumulation richten. Ebensowenig kann ein Eingreifen des Staates, der als eine Art gesamtgesellschaftlicher Kapitalist fungiert, den Ausschlag geben. Vielmehr würde eine den Bedürfnissen der Welt angemessene lange ökologische Revolution bedeuten, den gesellschaftlichen Stoffwechsel mit der Natur zu verändern und der Entfremdung von Natur und menschlicher Arbeit im Kapitalismus entgegenzuwirken. Vor allem müssen wir uns darum kümmern, die ökologischen Grundlagen für zukünftige Generationen zu erhalten – genau dies ist Nachhaltigkeit.

Von diesem Standpunkt aus kann eine Vielzahl von Dingen getan werden, wenn sich die Menschheit jetzt aufmacht, eine ökologische Gesellschaft zu schaffen. Angesichts der dem Regime des Monopolkapitals eigenen enormen Verschwendung, die in die innerste Struktur der Produktion eingedrungen ist, muss es möglich sein, Formen der revolutionären Umwelterhaltung zu implementieren, die sowohl das Reich der menschlichen Freiheit vergrößern als auch eine schnelle Anpassung an die Notwendigkeiten ermöglichen, die uns die Krise des planetaren Ökosystems auferlegt hat. Es ist weitaus effizienter und praktikabler, die CO2-Emissionen drastisch zu senken, als eine globalisierte CCS-Infrastruktur aufzubauen, die von ihrer Größenordnung her mit der aktuellen Energieinfrastruktur der Welt konkurrieren oder diese übertreffen würde. Es wäre viel vernünftiger, mit dem schnellen, revolutionären Ausstieg aus den CO2-Emissionen zu beginnen, als zu riskieren, neue Bedrohungen für die Vielfalt des Lebens und der menschlichen Zivilisation durch Geoengineering zu verursachen.
Neue Wege einschlagen

Der ökologische Marxismus bietet in vielfältiger Weise eine Erweiterung der menschlichen Freiheit und Kreativität und ruft die Menschheit als Ganzes auf, ihre Welt auf ökologischen Grundlagen im Einklang mit der Erde selbst wieder aufzubauen. Versprechen einer globalen technologischen Reparatur der Umwelt – die unsinniger wird, wenn man über den Klimawandel hinaus auf die zahlreichen planetarischen Grenzen blickt, die von der kapitalistischen »Bezwingung der Natur« bedroht sind – bedeuten Elitepolitik und Elitenmanagement. Es ist die ultimative Hybris, der letzte Aufruf zur Beherrschung der Natur als Mittel der Klassenherrschaft. Solche promethischen Ansichten zielen darauf ab, die Realität der gegenwärtigen sozialen und ökologischen Krise zu leugnen, nämlich dass revolutionäre Veränderungen in den bestehenden Produktionsverhältnissen unvermeidlich sind. Modernisierung der Produktivkräfte ist nicht genug; wichtiger ist es, die Voraussetzungen für eine nachhaltige menschliche Entwicklung zu schaffen. Aus indigenen und traditionellen Formen der Landarbeit kann viel gelernt werden: Weil sich die menschliche Gesellschaft im Kapitalismus von der Erde entfremdet hat, bieten weniger entfremdete Gesellschaften entscheidende Einblicke in die Praxis einer nachhaltigeren Existenz.

Kritiker sowohl von links als auch rechts könnten antworten, dass es für eine ökologische Revolution »zu spät« ist. Die Antwort darauf lautet, wie Magdoff und Williams eloquent darlegen: »Zu spät für was? Für eine bessere Welt zu kämpfen heißt, die Welt so zu nehmen, wie sie ist, und daran zu arbeiten, sie umzugestalten. Obwohl die ökologischen und politischen Bedingungen und Trends in vielerlei Hinsicht ziemlich desolat sind, sind wir nicht dazu verurteilt, die Umwelt oder unsere gesellschaftlichen Verhältnisse weiter zu verschlechtern. (…) Ein gewisses Maß an globaler Erwärmung wird sich fortsetzen, ungeachtet dessen, was wir gegen all ihre negativen Nebenwirkungen tun. (…) Wir können jedoch die Talfahrt zu einer noch stärker zerstörten Erde stoppen, die an Arten und der Gesundheit der verbleibenden Arten ärmer wird. Wir können die enorme Menge an verfügbaren menschlichen und materiellen Ressourcen verwenden, um die Wirtschaft zum Nutzen aller Menschen neu auszurichten. Eine ökologische Gesellschaft wird es uns erlauben, all das zu tun, was derzeit nicht möglich ist, und was der Kapitalismus nie erreichen konnte: allen Menschen die Möglichkeit zu geben, ihr volles Potential zu entfalten.«⁵

Aber um diese Dinge zu erreichen, müssen wir mit dem »Business as usual«, also mit der gegenwärtigen Logik des Kapitals, brechen und eine völlig andere Logik einführen, die auf die Schaffung eines grundlegend anderen »sozialen metabolischen Systems der Reproduktion« abzielt. Jahrhunderte der Entfremdung von Natur und menschlicher Arbeit zu überwinden, einschließlich der Behandlung der globalen Umwelt und der meisten Menschen – gespalten durch Klasse, Geschlecht und ethnische Zugehörigkeit – als bloße Objekte der Beherrschung, Enteignung und Ausbeutung, erfordern nichts weniger als eine lange ökologische Revolution, die notwendigerweise Siege, Niederlagen und immer wieder neue Anstrengungen beinhalten wird, die sich über Jahrhunderte hinziehen. Es ist jedoch ein revolutionärer Kampf, der jetzt mit einer weltweiten Bewegung hin zum Ökosozialismus beginnen muss – einer, der von Anfang an in der Lage ist, dem Kapital Grenzen zu setzen. Diese Revolte wird unweigerlich ihren Hauptantrieb in einem »ökologischen Proletariat« finden, das aus der Gleichzeitigkeit von ökonomischen wie ökologischen Krisen und dem kollektiven Widerstand der arbeitenden Gemeinschaften und Kulturen hervorgeht – eine neu entstehende Realität, die sich gerade im globalen Süden abzeichnet.

In der langen ökologischen Revolution vor uns wird die Welt notwendigerweise von einem irdischen Kampf zum nächsten schreiten. Wenn das Aufkommen des Anthropozäns uns etwas lehrt, dann dies, dass die Menschheit durch engstirniges Streben nach ökonomischem Gewinn, der nur Wenigen zugutekommt, in der Lage ist, die biogeochemischen Kreisläufe des Planeten auf verhängnisvolle Weise zu stören. Es ist daher an der Zeit, einen anderen Weg einzuschlagen: einen Weg der nachhaltigen menschlichen Entwicklung. Dies ist der ganze Sinn der Revolution in unserer Zeit.

Anmerkungen

1 Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, MEW 20, S. 106

2 Fred Magdoff und Chris Williams: Creating an Ecological Society, New York 2017, S. 247

3 Die CCS (Carbon Capture and Storage)-Technologie will CO2 unterirdisch lagern, um eine weitere Belastung der Atmosphäre zu vermeiden.

4 Paul A. Baran: The Longer View, New York 1969, S. 30

5 Magdoff, Williams, a. a. O., S. 309 f.

Ein verspäteter Nachruf auf einen unruhigen Geist, auf konsequenten Materialismus

Stellungnahme des Sekretariats der Europäischen Kommunistischen Initiative
zum 200. Geburtstag von Karl Marx

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert,es kommt aber darauf an sie zu verändern“

Vor 200 Jahren, am 5. Mai 1818, wurde in der rheinpreußischen Stadt Trier der große Revolutionär Karl Marx geboren. Marx leistete einen entscheidenden Beitrag zur Begründung der revolutionären Weltanschauung der Arbeiterklasse sowie zum ökonomischen, politischen und philosophischen Gedankengut der Menschheit. Er schloss sich mit Friedrich Engels zusammen und durch ihre bedeutende Arbeit spielten die beiden eine Schlüsselrolle in den ersten revolutionären Gruppen in Paris. Marx kämpfte beharrlich gegen verschiedene kleinbürgerliche Sozialismustheorien, die in dieser Periode vorherrschten. Nach seiner Ausweisung nach Brüssel im Jahr 1845 trat er gemeinsam mit Engels dem „Bund der Kommunisten“ bei und nahm an dessen 2. Kongress teil, wobei sie eine wesentliche Rolle bei der Annahme revolutionärer Positionen spielten. Im Auftrag des Kongresses schrieben sie das berühmte und unübertroffene Werk „Das Manifest der kommunistischen Partei“, das im Februar 1848 veröffentlicht wurde.

In dieser Arbeit wird der konsequente Materialismus, der jeden Aspekt des gesellschaftlichen Lebens betrifft, scharfsinnig erklärt, als vollständige und tiefgehende Lehre der Evolution, angetrieben durch die Theorie des Klassenkampfes. Es war das erste Mal, dass die führende revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse als Begründerin der neuen kommunistischen Gesellschaft dargelegt wurde, basierend auf der Schlussfolgerung, dass die „Geschichte aller bisherigen Gesellschaft … die Geschichte von Klassenkämpfen“ sei, was „notwendig zur Diktatur des Proletariats führt“, die „selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zur klassenlosen Gesellschaft bildet.“

Marx entwickelte seine materialistische Theorie in einer Reihe historischer strategischer Positionen der kommunistischen Weltbewegung, wobei er sich hauptsächlich auf das Studium der politischen Ökonomie konzentrierte. Marx revolutionierte diese Wissenschaft mit seinen Arbeiten zur „Kritik der Politischen Ökonomie“ (1859) sowie natürlich im „Kapital“ (1. Band 1867), in dem das kapitalistische Ausbeutungssystem und seine ökonomische Funktion analysiert werden, das eine einzigartige Arbeit für das Weltproletariat darstellt wie auch einen wichtigen Beitrag zur wissenschaftlichen Begründung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, neben anderen Fragen, darunter die analytische Darstellung des Mehrwertbegriffs.

Nach der Niederlage der Revolution 1848 in Frankreich wird Marx nach Deutschland und dann nach Frankreich abgeschoben, bevor er sich in London niederließ. Dort spielte er eine führende Rolle in der „Internationalen Arbeiterassoziation“, indem er ihren Gründungsaufruf und eine Reihe von Resolutionen verfasste und in der Praxis die Arbeiterbewegung verschiedener Länder in einer Periode vereinte, die durch den revolutionären Aufschwung des Proletariats und die Schaffung großer sozialistischer Arbeiterparteien charakterisiert war, in einer Periode, die durch die berühmte Pariser Kommune von 1871 geprägt wurde.

Das unübertroffene Werk von Marx und Engels, die Methodik des historischen Materialismus, zusammen mit dem einzigartigen Beitrag von Lenin zum Imperialismus, zur proletarischen Revolution und der Organisierung der revolutionären Partei der Arbeiterklasse, verliehen der marxistisch-leninistischen Weltanschauung eine weltweite Dynamik. Ihre Standpunkte und ihr Kampf haben die Arbeiterklasse inspiriert und geleitet, um ihre revolutionäre Mission zu erfüllen, um den Kapitalismus zu stürzen und die sozialistische und kommunistische Gesellschaft aufzubauen. Das Marxsche Werk bleibt – trotz des langjährigen Verschweigens durch die Bourgeoisie und unzähliger und bis heute andauernder opportunistischer und liberaler Verfälschungen und jeder Art von Entstellung auch im Namen des „Marxismus“– unerschütterlich und spielt weiterhin eine unersetzbare Rolle bei der Analyse der gegenwärtigen Krisen des Kapitalismus und bei der Entwicklung des Klassenkampfes.

Die Parteien der Europäischen Kommunistischen Initiative ehren Karl Marx und seinen unschätzbaren Beitrag durch die Fortsetzung des Kampfes in ihren Ländern, damit der Marxismus-Leninismus das Bewusstsein der Arbeiterklasse und des Volkes anhebt.Wir setzen die ideologisch-politische Auseinandersetzung mit dem Klassengegner fort, wir untermauern mit unserer marxistisch-leninistischen Weltanschauung und unserem Wirken die Notwendigkeit für die Arbeiterklasse, sich zu emanzipieren und im Bündnis mit anderen ärmeren Volksschichten die bürgerliche Herrschaft und die kapitalistische Barbarei zu stürzen sowie die neue Welt, den Sozialismus-Kommunismus aufzubauen. Mit Überzeugung und Hingabe, mit revolutionärem Optimismus kämpfen wir tagtäglich entsprechend dem über all die Jahre hinweg aktuellen internationalistischen Aufruf:

PROLETARIER ALLER LÄNDER, VEREINIGT EUCH!

Ausgewählte Werke der klassischen revolutionären Theorie

Georgi Plechanow:
Über materialistische Geschichtsauffassung

Rosa Luxemburg:
Die Ordnung herrscht in Berlin

Zum Schema der Erweiterten Reproduktion von K. Marx

Wilhelm Pieck:
Das Verbot der KPD

Karl Liebknecht:
Was will der Spartakusbund?

Josef W. Stalin:
Die ökonomischen Probleme des Sozialismus in der UdSSR

Ernesto ‚Che‘ Guevara:
Die marxistisch-leninistische Partei

Partisanenkrieg – eine Methode

Vladimir I. Lenin:
Anarchismus und Sozialismus

Karl Marx (und/oder Friedrich Engels):
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie

Manifest der Kommunistischen Partei

Thesen über Feuerbach

Das achtzehnte Brumaire des Louis Napoleon

Lohnarbeit und Kapital

Ernst Thälmann:
Bolschewismus oder Faschismus

Aus dem Referat auf der Tagung des ZK der KPD im Sporthaus Ziegenhals

Mao Tse-Tung:
Worte des Vorsitzenden Mao-Tsetung

„Was ist die physikalische Realität?“

Der nun kürzer ausfallende, abschließende Beitrag zur Trilogie „Materialismus heute“, soll durch Annette Schlemms 2014 veröffentlichten Essay dargestellt werden. Dieser wird nun wie folgt zitiert:

In der aktuellen Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ (Heft 7/14) fragt der Titelbeitrag „Was ist Realität?“. Er wurde von Meinard Kuhlmann, einem Professor für Philosophie in Bielefeld geschrieben. Der Artikel schließt mit einem Aufruf zu einem besseren Zusammenwirken von Naturwissenschaftlern, speziell den Physikern, und Philosophen.

Damit hat er unbedingt Recht. Nachdem in „Spektrum“ schon recht ominöse Interpretationen der Quantentheorie aufgetaucht waren, ist dieser Beitrag wohltuend sachlich. Fachlich exakt, gleichzeitig schön erläuternd und er bringt auch einen Teil der Lösung der Titelfrage: „Was ist Realität?“

Trotzdem möchte ich hier ergänzend darauf eingehen, denn erstens ist die Frage falsch gestellt und zweitens gibt es bessere Antworten zu dem Thema schon seit 30 Jahren.

Beginnen wir also mit der Erkenntnis aus dem genannten Beitrag. Gleich im Untertext zum Titel steht sie:

„Die fundamentalsten Objekte lassen sich nicht wie Alltagsdinge beschreiben, sondern als Bündel von Eigenschaften wie Form und Farbe, Masse und Ladung.“

Weil auch in Interpretationen der Quantentheorie von „Teilchen“ oder auch „Feldern“ gesprochen wird, die wir aus den klassischen Theorien zu kennen glauben, entstehen Vorstellungen über deren Eigenschaften und Verhaltensweisen, die in der Quantenwelt jedoch nicht mehr gelten. Schrödingers Katze ist weder tot noch lebendig – das kann doch nicht sein! Zwei verschränkte Teilchen wissen über astronomische Abstände hinweg voneinander, das kann doch erst recht nicht sein!

M. Kuhlmann erläutert ausführlich, warum es „wenig Sinn“ macht, „lokalisierte Teilchen als die Grundelemente der Wirklichkeit anzunehmen“. Auch unterscheidet sich die Quantenfeldtheorie deutlich von den klassischen Feldtheorien. Da die Quantentheorie zu Ergebnissen führt, die mit der Wirklichkeit übereinstimmen, schrieb Wolfang Pauli schon 1924, dass wir demzufolge „unsere Begriffe der Erfahrung anpassen“ müssen. An dieser Stelle zeigte sich auch häufig, dass besonders die kreativen Naturwissenschaftler häufig nicht zuletzt durch philosophische Ideen zu neuen konzeptionellen Vorstellungen kamen, die ihre Wissenschaft revolutionierten.

Im Fall der Quantentheorie geht es nicht nur darum, die mutmaßlichen Objekte mit neuen Begriffen zu belegen (etwa „Quantenobjekt“ statt „Teilchen“ oder „Feld“), sondern dass „es in Wirklichkeit nicht auf Dinge ankommt, sondern auf die Beziehungen zwischen ihnen“.

Wenn wir mit den Teilchen nicht zurecht kommen, dann gilt:

„Die einfachste Antwort lautet: Es gibt nur Relationen. Dieser Sprung führt zu einem radikalen Standpunkt, dem ontischen Strukturenrealismus.“

Das Wort „ontisch“ bezieht sich auf die Frage, was wirklich ist (von griechisch to on: das Seiende). In Wirklichkeit gibt es also nicht Dinge (wie Teilchen oder Felder), sondern Beziehungsstrukturen. Anders ausgedrückt: „Objekte besitzen keine Wesenseigenschaften, sondern gewinnen ihre Eigenart erst durch ihr Verhältnis zu anderen Objekten.“ Daraus folgt aber auch: „Die Theorie sagt uns zwar, was wir messen können, aber sie spricht in Rätseln, wenn es um die Frage geht, was eigentlich hinter unseren Beobachtungen steckt.“

Genau so ist es, möchte ich ausrufen. Das steht aber alles schon in Texten zu philosophischen Fragen der Naturwissenschaften seit ca. 30 Jahren. Oder noch länger: Bereits Ernst Cassirer schrieb 1937: „Es geht nicht um die Existenz von Dingen, sondern die objektive Gültigkeit von Relationen“. Nur: erstens erschienen die neueren Studien dazu in der DDR, was heute keinen Menschen mehr interessiert und zweitens waren nicht alle guten Schriften dazu in der DDR im Lehrkanon. Mit diesem Hintergrund kann ich nun auch erklären, was ich damit meine, dass die Frage falsch gestellt sei.

Was macht denn die Physik? Sie untersucht die Veränderbarkeit der (physischen) Welt durch unser Handeln, jeweils entsprechend unserem materiell-technischen und geistig-kulturellem Entwicklungsstand. Natürlich hat sie mit der Welt „an sich“ zu tun, also der Welt, wie sie ohne Menschen wäre. Aber wir können sie nur als Menschen erkunden. All unser Wissen über die Welt beruht auf Wechselbeziehungen, auf der Erfahrung mit gegenseitigen Einwirkungen. Von dieser Erfahrung können wir auch nicht abstrahieren, wenn wir dann sagen: „Wir haben über die Welt dies und das dabei gelernt.“ Letztlich können wir niemals sagen: „So oder so IST die Welt“, sondern wir können nur sagen, was wir aus den Wechselbeziehungen mit ihr gelernt haben.

Wenn man den Erkenntnisprozess genauer untersucht (dargestellt z.B. in Schlemm 2005), so werden wir finden, dass wir in der Physik die Verbindung zwischen uns und der Welt vor allem durch Messungen herstellen (vgl. Wahsner 1990). Dazu bilden wir Messgrößen, die einerseits auf realen Verhaltensweisen natürlicher Objekte beruhen, aber andererseits ermöglichen, bestimmte eigentlich unlösbar zusammenhängende Momente so voneinander zu trennen, dass quantifizierbare Größen in Gleichungen gebildet werden können (mehr dazu siehe hier). Solch eine Messgröße ist beispielsweise die Masse. Im Universum ohne Menschen gibt es keine Wage mit einem Urkilogramm, aber es gibt die Verhaltensweise von schweren Körpern, gegenüber einer Beschleunigung Widerstand zu leisten. Diese Verhaltensweise ist objektiv-real – dass wir die Messgröße „Masse“ einführen, um mit Wagen wägen zu können und diese Messgröße dann z.B. in Bewegungsgleichungen zu verwenden, ist ein menschliches „Konstrukt“. In der Form, wie die Masse von Galilei ursprünglich eingeführt wurde, blieb sie in der Relativitätstheorie dann auch nicht, sondern dort muss ein anderer (geschwindigkeitsabhängiger) Massebegriff eingeführt werden. In beiden Fällen werden reale Verhaltensweisen realer Objekte (einmal für Geschwindigkeiten weit unter der Lichtgeschwindigkeit, das andere Mal für Geschwindigkeiten nahe der Lichtgeschwindigkeit) so bestimmt, dass wir durch eine Messung unsere Hypothesen über die Zusammenhänge in der Welt verifizieren können.

Das Ziel der Naturwissenschaft, speziell der Physik, besteht nicht darin, etwas über die Welt an sich herauszubekommen, sondern das Wissen in Form von Naturgesetzen so darzustellen, dass wir erfahren, wie wir gezielt auf reale Verhaltensweisen der natürlichen Gegenstände einwirken können. Dass wir in der Wissenschaft nichts über die „Substanz“ der wirklichen Dinge, sondern über ihre Wechselwirkungsfähigkeit erfahren, wusste auch schon Newton. Er schrieb z.B. „die Neuern haben, nachdem sie die Lehre von den substantiellen Formen und den verborgenen Eigenschaften aufgegeben, angefangen die Erscheinungen der Natur auf mathematische Gesetze zurückzuführen.“

Deshalb stimmt die Aussage von M. Kuhlmann nicht nur für die Quantentheorie, sondern für die Physik insgesamt: „Die Theorie sagt uns zwar, was wir messen können, aber sie spricht in Rätseln, wenn es um die Frage geht, was eigentlich hinter unseren Beobachtungen steckt.“

Ob dies ein Manko ist, hängt davon ab, welche Vorstellungen man sich über die Wirklichkeit macht. Gibt es ein „Hinter unseren Beobachtungen“ überhaupt? Eine Welt „an sich“, d.h. abstrahiert von allen Beziehungen? Besteht die Wirklichkeit aus einer Menge isolierter Dinge, deren „inneres Wesen“ zu verstehen sei und denen Beziehungen nur äußerlich zukommen (die für ihre qualitative Bestimmung unwesentlich sind)? Oder besteht die Wirklichkeit aus dem wechselseitigen Verhalten von verschiedensten Entitäten, deren Verhaltensqualitäten durch eine Isolation beschädigt bis zerstört würde? Die letztere Ansicht kennzeichnet unter anderem dialektische Konzepte von der Wirklichkeit, deshalb ist es wohl kein Zufall, dass vor allem dialektisch basierte Wissenschaftstheorien wie die von Ulrich Röseberg (1978) und Renate Wahsner (1988, 1990) wie bei Hase und Igel als Igel schon längst an der Ziellinie stehen und sagen können: „Das wussten wir doch schon längst!“.

Und sie wissen sogar noch einiges mehr. Der erste Schritt war das Wegkommen von der verdinglichenden Vorstellung der isolierten Dinge. Er führte zur gegenteiligen Annahme, dass Relationen, Strukturen, Beziehungen die Wirklichkeit bilden. Aber dieses Gegenteil wäre auch einseitig. Letztlich geht es um Gegenstände, die sich im Zusammenhang mit anderen auf bestimmte Weise verhalten können. Der Fokus auf das Verhalten anstatt auf Eigenschaften betont die Bezogenheit auf Anderes. Eigenschaften „haben“ auch einzelne Dinge, unabhängig von Wechselbeziehungen. Im Verhalten jedoch realisieren sich Verhaltensmöglichkeiten und dieses ist auf jeweils gegenständliches Anderes gerichtet (Wahsner 1996: 42).

Wir schalten uns mit unseren Messmitteln in diese Verhaltensmöglichkeiten ein, erhalten damit aber niemals ein Abbild des isolierten „Dings“, sondern immer einen Ausschnitt aus dem Verhaltensspektrum, der unseren Messmöglichkeiten und dem jeweiligen Erkenntnisziel entspricht. All dies gilt letztlich nicht nur für die Quantentheorie, aber bei dieser stellen sich zu vereinfachte Vorstellungen über die Aufgaben und Methoden der Naturwissenschaft bloß.

Der Zeitschriftenbeitrag von M. Kuhlmann geht davon aus, dass die Zusammenarbeit zwischen Physikern und Philosophen vor allem in Zeiten, in denen die „Physiker gezwungen sind, Grundlagen ihres Forschungsgegenstands zu revidieren“, wichtig ist. Ich bin davon überzeugt, dass es für das Vorankommen im Bereich der Vereinigung von Elementarteilchentheorie und Kosmologie nicht darauf ankommt, noch kompliziertere Berechnungen durchführen zu können, sondern dass es noch an der geeigneten Idee für neue Grundgrößen fehlt. Jede Theorie führte neue Grundgrößen ein. Mit Messgrößen werden reale Verhaltensgleichheiten der interessierenden Objekte substantiviert (siehe oben das Beispiel mit der Masse: dass sich alle schweren Körper gleichermaßen so verhalten, dass sie „träg sind“ gegenüber Beschleunigungskräften, wird als Substantiv „Masse“ ausgedrückt). Das Motto, das ich als Philosophin den Physiker*innen mit auf den Weg gebe, lautet also:

Rechnet nicht so lange, sondern entwickelt neue Grundgrößen!

Hier ein früherer Text von mir zur „Quantenmechanik und Probleme ihrer Interpretation“

Literatur:

Röseberg, Ulrich (1978): Quantenmechanik und Philosophie. Berlin: Akademie-Verlag.

Schlemm, Annette (2005): Wie wirklich sind Naturgesetze? Auf Grundlage einer an Hegel orientierten Wissenschaftstheorie. Münster: LIT-Verlag.

Wahsner, Renate (1988): Eigenschaft und Verhalten – Zur Beziehung von Mathematik und Physik. In: Gravitation und Kosmos. Hrsg.v. R. Wahsner, Berlin: Akademie-Verlag 1988. S. 132-140.

Wahsner, Renate (1990): Stichwort „Messen/Messung“. In Sandkühler, Hans Jörg (1990) (Hrsg.) Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften. Bd. 3 Hamburg: Meiner, S. 377-378.

Wahsner, Renate (1996): Zur Kritik der Hegelschen Naturphilosophie. Über ihren Sinn im Lichte der heutigen Naturerkenntnis. In: HEGELIANA. Studien und Quellen zu Hegel und zum Hegelianismus. Herausgegeben von Helmut Schneider. Band 7. Frankfurt am Main, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien. Peter Lang.

Annette Schlemms „Kritik der herschenden Wissenschaft“

Der Essay mit dem obig verlautbarten Titel, soll folglich den zweiten ergänzenden Abschnitt der Reihe „Materialismus heute“ abbilden.

Studierst du noch – oder begreifst du schon?
Von Kritik der Wissenschaft und Kritischer Wissenschaft

Vor über 200 Jahren stellte Friedrich Schiller die Frage „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ Diese Frage gilt für alle Bildungs- und Studienwege und wird immer wieder praktisch beantwortet, auch wenn viel zu selten ernsthaft darüber nachgedacht wird. Wer stellt denn heute noch – wie einst Schiller – in Frage, dass in der akademischen Welt wie in der Wirtschaft Konkurrenzdenken statt Zusammenarbeit vorherrscht. Wer wundert sich noch, dass Belohnungen von außen, wie das Erringen von Scheinen für die Studies und ein excellenter Zitierindex für die Profs statt Interesse und Begeisterung am Gegenstand als Motivation herhalten müssen. Es ist normal geworden, dass manch Wissenschaftler nach seinen ersten Ergebnissen krampfhaft darauf achtet, dass diese nie wieder in Frage gestellt werden anstatt begeistert Neues, das die bisherigen Ergebnisse in Frage stellt, zu fördern. Die Antwort auf die Frage wird in der Praxis gegeben: „Philosophische Köpfe“ – so die Bezeichnungen Schillers für entsprechende Haltungen gegenüber der Wissenschaft – können keine Drittmittel einwerben, nur „Brotgelehrte“ werden einen Job finden.

Diese verschärfte ökonomische Erpressbarkeit in der Zeit des neoliberal entfesselten Kapitalismus ist wohl auch der Grund dafür, dass „der etablierten wissenschaftlichen Praxis… nicht mehr eine Wissenschaftskritik entgegen [tritt], welche mit dem Anspruch auf die „bessere Wissenschaft“ auftritt… Auch wird keine inhaltliche Wissenschaftskritik mehr geübt.“ (Wolf 2004) Wenn wir schon verzweifelt darum kämpfen, für das, was wir angeboten bekommen, nicht auch noch Studiengebühren bezahlen zu müssen, bleibt kein Bedenken mehr gegenüber dem, was wir erhalten möchten. Die neuen Studienbedingungen tun ein Übriges, um alle Zeit- und Kraftressourcen aufzuzehren, die wir bräuchten, um das, was wir beigebracht bekommen, kritisch zu werten und eventuell gar noch ein Gegenkonzept zu entwickeln. Die Bildungsinhalte werden sakrosankt, das einst vorhandene kritische Wissen geht über die Studentengenerationen hinweg verloren. Andererseits wäre es doch auch ein Motiv, die Qualität dessen, für das wir auch noch Geld ausgeben sollen, ganz besonders zu hinterfragen. Aber dabei wird es eine Rolle spielen, ob wir aus der Sicht der Brotgelehrsamkeit oder des philosophischen Kopfes fragen.

Feministische Wissenschaftskritik

Auf jeden Fall brauchen auch philosophische Köpfe eine Lebensgrundlage. Wer die in der akademischen Welt sucht, sollte – vor allem in den „harten“ Naturwissenschaften – in bestimmten Ländern zuerst einmal männlich sein. „In Italien und in der Türkei 25% sind aller Physikstudierenden und aller Physikprofessuren weiblich – der Frauenanteil an Physikprofessuren in der Bundesrepublik beträgt aber nur 0,5% bei 10% Physikstudentinnen“ (Frank 1998). Seit Ende der 70er Jahre geht es aber auch vielen Frauen nicht mehr nur um das brotgelehrte Dabeisein-Dürfen, sondern sie stellen Inhalte, Methoden und Konsequenzen der Wissenschaft kritisch in Frage (Heinsohn 1999: 46).

Das bezieht sich auf die Inhalte der jeweiligen Wissenschaft, die durch geschlechtsspezifische Fragestellungen bestimmt werden sowie auf die Methoden, die den forschenden Menschen mehr oder weniger von seinem Untersuchungsgegenstand isolieren. Für die eher „weiche“ Wissenschaft Biologie ist es mittlerweile in vielen Fälle nachgewiesen, dass sogar bessere Ergebnisse erreicht werden, wenn vom eigentlich vorgeschriebenen Weg abgewichen wird. Die Arbeit der Nobelpreisträgerin Barbara McClintock ist so ein prominenter Fall. Sie legt Wert darauf, ein „Gefühl für den Organismus“ zu entwickeln und „das Material sprechen lassen“, ihm erlauben „einem zu sagen, was als nächstes zu tun sei“ (nach Fox Keller 1989: 293f.). Im Bereich der Medizin entwickelten sich aus den kritischen Ansätzen Bewegungen für ein alternatives Herangehen an Themen der Frauengesundheit; Frauengesundheitszentren wurden verwirklicht. In der Geschichtswissenschaft melden sich vermehrt Frauen zu Wort, die die männliche Deutungsdominanz kritisieren und beispielsweise feststellen, dass in der Geschichte der Frauen eine andere Periodisierung erforderlich ist als in der gängigen politische Geschichte. (Lerner 1989: 344; Harding 1989: 429)

Ökologische orientierte Wissenschaftskritik

Die inhaltliche und methodische Wissenschaftskritik, die vom Verhältnis von Gender (soziales Geschlecht) und Wissenschaft ausgeht, trifft sich in vielen Punkten mit der ökologisch orientierten Wissenschaftskritik. Aus ökologischer Sicht steht vor allem der Standpunkt des Beherrschen-Wollens unter Kritik. Es wird darauf aufmerksam gemacht, dass der Standpunkt der Objektivität das erkennende Subjekt zu radikal von den zu untersuchenden natürlichen Zusammenhängen isoliert. Auch der Verlust an Naturqualitäten durch die Quantifizierung der messenden und rechnenden Naturwissenschaften wird beklagt. So schreibt beispielsweise Karen Gloy: „Aus der Fülle der Wesensbestimmungen, die nicht nur quantitative Merkmale, sondern auch qualitative, nicht nur äußere, sondern auch innere umfaßt, wird eine bestimmte Klasse ausgesondert, die der quantitativen, welche der Messung, Zählung und dem Wägen zugänglich sind.“ (Gloy 1995: 174) Die Beziehung zur Natur wird auf den instrumentellen Aspekt reduziert, Natur wird nicht in ihren Eigenarten erforscht, sondern bereits im Erkenntnisprozess im Labor so zugerichtet, dass sie durchweg nur als von Menschen beherrscht auftritt. Die Patentierbarkeit neuer Lebensformen ist nur ein Ausdruck dieser Herangehensweise: „Wir kennen doch die Herangehensweise, Leben nur als chemische Verbindung oder Informationscode anzusehen. Deswegen ist die Entscheidung des Patentamtes eigentlich keine Abweichung von der Sichtweise des Lebens, welche Wissenschaft und Industrie entwickelt haben.“ (Rifkin 1987: 52)

Politische Wissenschaftskritik

Herrschaft ist vor allem eine politische Kategorie. Sie löst sofort Gedanken zur Rolle politischer Herrschaft für die Wissenschaft aus. Auffallend ist auf den ersten Blick, dass ca. 60% aller Forschungsaufwendungen im Militärbereich anfallen. (BICC-Jahrbuch 2004) Wieweit auch die im kommerziellen Bereich tätigen WissenschaftlerInnen immer mehr destruktive Kräfte stärken statt fortschrittlich wirkende Erkenntnisse zu gewinnen, wird noch weitgehend verdrängt. Hier, im Bereich der realen militär-ökonomisch-politischen Macht, erhalten wir auch die Erklärung des erstaunlich unterschiedlichen Frauenanteils in der BRD und der Türkei. Elisabeth Frank erklärt: „Gerade in hochtechnisierten Ländern sind diese Wissenschaften eng mit Macht verknüpft, wirtschaftlicher Macht, militärischer Macht, politischer Macht, Männermacht.“ (Frank 1998)

Leider beschränkt sich der Einfluss der herrschenden kapitalistischen Gesellschaftsform auf die Wissenschaft nicht nur auf ihren missbräuchliche Nutzung und eine einseitige Steuerung der Ziele wissenschaftlichen Forschens. Dass auch die Methoden und Inhalte von gesellschaftspolitisch einseitigen Interessen bestimmt sind, zeigt sich in den Sozialwissenschaften noch am deutlichsten. Typisch für eine inhaltliche Deformierung ist hier die Naturalisierung gesellschaftlicher Bestimmtheiten als anthropologische Konstanten. Bürgerlich-kapitalistische Formen der Arbeit, der Kommunikation, der gesellschaftlichen Beziehungen, des Verhaltens und der Individualitätsformen werden als „allgemein-menschliche“ dargestellt. „Kritik“ wird nur zugelassen unter der Voraussetzung, die Bedingungssetzung durch die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht mit zu hinterfragen.

Für die Naturwissenschaften ist die Analyse des Einflusses der kapitalistischen Gesellschaft schwerer. In den eher „weichen“ Wissenschaften wie Biologie und Medizin wurden dazu bereits wichtige Arbeite geleistet. Für die „harten“ Wissenschaften wie Physik oder auch Mathematik fällt das schwerer. Der Ausgangspunkt vieler Kritiken ist die Überlegung Alfred Sohn-Rethels, dass sich die abstrakte Tauschlogik der kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse auf die Methode der Naturwissenschaft übertragen habe. (Sohn-Rethel 1972) Die „soziale Konstruiertheit“ der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse wird gegenwärtig vor allem durch die „Science Studies“ untersucht (vgl. Scharping 2001).

Für Gernot Böhme ist das „Ende des Baconschen Zeitalters“ gekommen, weil nicht mehr auf einen Zusammenhang zwischen wissenschaftlichem und gesellschaftlichem Fortschritt vertraut werden kann (Böhme 1993). Noch skeptischer fragt Sandra Harding: „Ist es überhaupt möglich, Wissenschaften, die offensichtlich so tief mit westlichen, bürgerlichen und männlich do-minierten Zielvorstellungen verbunden sind, für emanzipatorische Zwecke einzusetzen?“ (Harding 1990, S. 7)

Kritisches Unterscheiden

Unter „Kritik“ kann das Beurteilen einer Sache oder Ansicht verstanden werden. Das griechi-sche Verb „kritein“ verbindet das Beurteilen mit dem (Unter-)Scheiden. Seit Kant bezieht sich diese Unterscheidung vor allem darauf, zwischen dem Erkennen und den die Erkenntnis ermöglichenden Bedingungen zu unterscheiden. Erkennen ist nicht voraussetzungslos – die Voraussetzungen selbst müssen thematisiert werden.

Für eine Kritik der Wissenschaften ist die Aufzählung missbräuchlicher und deformierender Erscheinungen und der Nachweis der Verursachung dieser Deformierung durch die kapitalistische Gesellschaft nicht hinreichend. Erforderlich ist auch eine grundlegende Bestimmung des Inhalts und der Aufgabe von Wissenschaft.

Unterscheidung von Wissenschaft und Weltbild

Zum Erbe der Aufklärung gehört es, dass das Weltbild wissenschaftlich fundiert sein soll. Aber damit ist keine Identifizierung von Wissenschaft und Weltbild gerechtfertigt. Der Gegenstand jeder Wissenschaft ist eingeschränkt, Aussagen über „die Welt als Ganzes“ können nie durch die Wissenschaft vollständig gebildet werden. Beispielsweise beschreibt die Newtonsche Physik von vornherein lediglich die Bewegungsmöglichkeiten bestimmter physikalischer Körper unter bestimmten Bedingungen. Aussagen über eine mögliche „Welt als Mechanismus“ gehören nicht in ihren Gegenstandsbereich und sind kurzschlüssig auf weltanschauliche Fragen übertragen worden. Die vielzitierte „Mechanisierung der Welt“ geschah nicht durch Newton, der die Grenzen seiner wissenschaftlichen Aussagen wohl sah – es war Voltaire, der aus der wissen-schaftlichen Theorie ein umfassendes Weltbild ableitete (Borzeszkowski, Wahsner 1980). Auch die modernsten physikalischen Theorien, die sich als „Theory of Everything“ darstellen, überziehen ihre methodisch bestimmten Grenzen.

Besonderheit wissenschaftlicher Tätigkeit

Eine weitere Unterscheidung bezieht sich auf die Besonderheit der wissenschaftlichen Arbeit im Gesamtkontext gesellschaftlicher Arbeit. Arbeit im Allgemeinen verändert die Welt im Interesse der menschlichen Lebensbedürfnisse. Wissenschaft hat in diesem Kontext die Funktion, die objektive Veränderbarkeit zu erkunden (Laitko 1979: 84). Mit dieser Bestimmung der Wissenschaften ist auch die angebliche Wertfreiheit der Wissenschaft zurück zu weisen. Wenn nach Veränderbarkeit gefragt wird, sind Interessen an bestimmten Veränderungen vorausgesetzt. Derzeit werden interessebestimmte Entscheidungen über Machtverhältnisse reguliert und bestimmt – in einer menschlichen, freien Gesellschaftsform werden diese Interessen in freien Vereinbarungen der Menschen untereinander abgestimmt werden.

Die Rolle von Erkenntnismitteln

Zum Verständnis der Wirkungsweise von Wissenschaft ist eine weitere Unterscheidung notwendig: Wissenschaftliche Erkenntnis ist nicht ein unmittelbarer Zugriff der Erkenntnissubjekte auf Erkenntnisobjekte – auch kein unvermittelter „Dialog“, bzw. ein Ineinander-Verschwimmen. Wie in allen Arbeits- bzw. menschlichen Tätigkeitsformen werden theoretische und gegenständliche Mittel entwickelt und verwendet. Solche Erkenntnismittel sind beispielsweise die jeweils verwendeten physikalischen Raum- und Zeitvorstellungen (auch im gekrümmten Raum der Allgemeinen Relativitätstheorie wird die Krümmung am Maßstab eines messtheoretisch vorausgesetzten ebenen Minkowskiraumes bestimmt). Gerade die Untersuchung der jeweils verwendeten Erkenntnismittel kann wissenschaftskritische Untersuchungen fundieren, denn sie begründet die Begrenztheit des Anwendungsbereiches jeder möglichen wissenschaftlichen Theorie.

Unterschiedliche Erkenntnistypen

Wissenschaftliche Erkenntnis befindet sich im Spannungsfeld zwischen Tatsachenfeststellung und Spekulation. Sie bezieht sich auf die Tatsachen der gegebenen Realität, bildet sie aber nicht einfach verdoppelnd ab. Sie erfasst die Tatsachen nach Maßgabe theoretischer Vorüberlegungen, aber konstruiert sie nicht willkürlich. Der bereits genannten Aufgabe der Wissenschaft, die Veränderbarkeit zu untersuchen, wird sie nur gerecht, wenn sie nicht nur das Gegebene sieht, sondern das Gegebene nach Maßgabe seiner Veränderbarkeit untersucht. Die Veränderbarkeit hat dabei zwei Horizonte: Wir unterscheiden dabei zwischen (Veränderungs-)Möglichkeiten innerhalb gegebener Rahmenbedingungen und zwischen der Möglichkeit, die Rahmenbedingungen selbst zu verändern.

Alle Beziehungen in Natur bzw. Gesellschaft beruhen auf qualitativ bestimmten Verhältnissen, deren Existenz unter Bedingungen steht. Wenn diese Bedingungen nicht gegeben wären, würden nicht diese Verhältnisse (mit bestimmten Gesetzmäßigkeiten) existieren, sondern andere. Zusätzlich gibt es innerhalb dieser bestimmten Verhältnisse ein Feld möglicher Zustände, bei denen die grundsätzlichen Existenzbedingungen vorausgesetzt, aber nicht verändert werden. Die Einzelwissenschaften, welche Theorien auf Grundlage von gesetzmäßigen Beziehungen behandeln, thematisieren lediglich die Möglichkeiten innerhalb vorgegebener Rahmenbedingungen (vgl. den Gesetzesbegriff nach Hörz 1974: 365/366). Wissenschaftliche Gesetze haben zum Inhalt nicht die Bewegung eines bestimmten konkreten Gegenstands, sondern erfassen die unter den gegebenen Rahmenbedingungen notwendigen Verhaltensmöglichkeiten aller Gegenstände eines bestimmten Gegenstandsbereiches (vgl. Schlemm 2005a: 232). Bezüglich der Rahmenbedingungen ist das Möglichkeitsfeld notwendigerweise festgelegt. Aber immerhin gibt es ein Möglichkeitsfeld innerhalb der Rahmenbedingungen. Zur Kenntnis wissenschaftlicher Gesetze gehört jedoch auch die Kenntnis der Bedingungen für ihre Existenz und Wirkung. Auch solche Bedingungen sind veränderbar, bzw. verändern sich im Verlaufe der Zeit, so dass andere Gesetze zur Wirksamkeit gelangen als vorher. Das Erkennen von wissenschaftlichen Gesetzen beinhaltet also 1. das Feststellen von verwirklichten Möglichkeiten („Tatsachen“), 2. die Erkundung des Möglichkeitsfeldes innerhalb fester Rahmenbedingungen und 3. die Angabe der Rahmenbedingungen, wodurch wir wissen können, welche Rahmenbedingungen verändert werden müssen, wenn andere als die gerade wirkenden Gesetze zur Wirkung gelangen sollen. Auf diese Weise enthält wissenschaftliche Erkenntnis verschiedene Horizonte für Handlungsorientierungen:

„Sei realistisch!“ – Anerkennung der faktischen „Realität“
„Erkenne das Mögliche!“ (innerhalb der gegebenen Bedingungen)
„Verändere die Rahmenbedingungen“

Diese verschiedenen Typen von Erkenntnishorizonten beziehen sich nicht nur negativ aufeinander, sondern ergänzen sich. Wenn ich etwas verändern will, muss ich die zu verändernden Tatsachen kennen. Die Wahrnehmung der Tatsachen ist jedoch bereits abhängig vom Erkenntnisinteresse und den verwendeten Erkenntnismitteln. Wenn der 1. Erkenntnistyp verabsolutiert wird, entsteht ein empiristisch-positivistisches Wissenschaftsverständnis. Der 2. Erkenntnistyp ermöglicht die Erkenntnis statischer oder prozessualer gesetzmäßiger Zusammenhänge, d.h. die Erfassung von Möglichkeiten innerhalb fester Rahmen (z.B. die möglichen Bahnen von Planeten in einem Gravitationsfeld). Erst der 3. Erkenntnistyp interessiert sich auch für Entwicklungszusammenhänge, die qualitative Umbrüche in den Rahmenbedingungen mit erfassen, bei denen sich die wesentlichen Beziehungen grundlegend verändern.

Kritische Wissenschaft

Die einzelnen Natur- und Gesellschaftswissenschaften haben ihren Kernbereich im zweiten Erkenntnistyp. Sie fußen auf der Erkenntnis von allgemein-notwendigen Gesetzmäßigkeiten für bestimmte Gegenstandsbereiche unter gegebenen Bedingungen. Sie machen deshalb Aussagen über Verhaltensmöglichkeiten, die unter den gegebenen Bedingungen notwendigerweise vorhanden sind. Einzelne Tatsachen realisieren dadurch gegebene Möglichkeiten. Da die Kenntnis von Gesetzen auch die Kenntnis ihrer einschränkenden Bedingungen einschließt, ist speziell in den Gesellschaftswissenschaften damit auch das Wissen über die Veränderbarkeit dieser Rahmenbedingungen gegeben.

Wissenschaft wird dann kritisch, wenn sie ihre Beschränkungen selbst mit reflektiert (vgl. Horkheimer 1937/1992: 216). Dies bezieht sich einerseits auf die Gesellschaftlichkeit aller Erkenntnistätigkeit und die daraus folgende Historizität und Interessebezogenheit aller Wissenschaft (z.B. als „situiertes Wissen“ nach Haraway 1995: 80). Andererseits sind aber auch die epistemischen Beschränkungen wie die Verwendung von Erkenntnismitteln zu thematisieren. Politisch interessierte Wissenschaftskritik würde sehr viel gewinnen, die epistemologische Wissenschaftsanalyse ernst zu nehmen und Wissenschaften nicht pauschal zu verurteilen. Die Aufgabe besteht eher darin, die Wirkung gesellschaftlicher Einflüsse auf die Erkenntnismittel in sehr differenzierter Weise zu analysieren.

Kritische Wissenschaft kann die oben gegebene allgemeine Bestimmung von Wissenschaft, nämlich die Veränderbarkeit zu erkunden, übernehmen. In diesem Sinne ist auch gewährleistet, dass sie als Wissenschaft von vornherein kritisch gegenüber der Vorstellung ist, etwas sei unveränderbar. Diese Kritik bezieht sich aber nicht nur auf die Tatsachen der realen Welt, sondern auch auf die jeweilige Funktionsweise der Wissenschaft selbst. „„Unkritische Wissenschaften“ – das ist ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich. Jede Wissenschaft beansprucht für sich, indem sie sich mit anderen Ansätzen, Ergebnissen und Methoden auseinander setzt, kritisch zu sein.“ (Kaindl 2004: 7) Diese Kritik wiederum orientiert sich an zwei verschiedenen Fragestellungen: die eine ist die nach dem Einfluss der jeweiligen Gesellschaftsformbestimmtheit der wissenschaftlichen Arbeit in einer bestimmten Zeit, die andere reflektiert die Entwicklung der jeweiligen Erkenntnismittel und ihrer jeweiligen Sachangemessenheit.
Kritik gegenüber den als unveränderbar angenommenen Tatsachen und gegenüber den gesellschaftlichen und erkenntnistheoretischen Voraussetzungen (sowie deren Zusammenhängen) ist keine freiwillige zusätzliche Aufgabe, sondern gehört unabdingbar zum Wesen wissenschaftlicher Erkenntnis. Was die Brotgelehrten treiben, wenn sie ihren Job tun, ist alles mögliche, aber nicht wirklich Wissenschaft.

Literatur

BICC-Jahrbuch 2004: Bonn International Center for Conversion (BICC): Verschiebung der Prioritäten bedroht die menschliche Sicherheit. http://www.interconnections.de/id_6496.html (Zugriff 6.August.06)

Böhme, Gernot (1993): Am Ende des Baconschen Zeitalters. Frankfurt: Suhrkamp.

Borzeszkowski, Horst-Heino von; Wahsner, Renate (1980): Newton und Voltaire. Zur Begründung und Interpretation der klassischen Mechanik. Berlin: Akademie-Verlag.

Fox Keller, Evelyn (1989): Feminismus und Wissenschaft. In: Denkverhältnisse. Feminismus und Kritik. (Hrsg. v. Elisabeth List und Herlinde Studer.) Frankfurt am Main: Suhrkamp. S. 281-300.

Frank, Elisabeth (1998): Das Weib schweige in der Physik ! http://www.elisabethfrank.de/Allgemeine_Informationen/Auszuge_aus_gehaltenen_Vortrag/Das%20Weib%20schweige%20in%20der%20Physik%20erweitert.htm. (Zugriff 13. Mai 2006)

Gloy, Karen (1995): Das Verständnis der Natur. Erster Band. Die Geschichte des wissenschaftlichen Denkens. München: Verlag C.H.Beck.

Haraway, Donna (1995): Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Frankfurt am Main, New York: Campus.

Harding, Sandra (1989): Geschlechtsidentität und Rationalitätskonzeptionen. Eine Problemübersicht. In: Denkverhältnisse. Feminismus und Kritik. Hrsg. v. Elisabeth List und Herlinde Studer. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S. 425-453.

Harding, Sandra (1990): Feministische Wissenschaftstheorie. Zum Verhältnis von Wissenschaft und sozialem Geschlecht. Hamburg: Argument-Verlag 1990.

Heinsohn Dorit (1999): Feministische Naturwissenschaftskritik. In: FORUM Wissenschaft. Nr. 2. Apri 1999. S. 46-51.

Hörz, Herbert (1976): Marxistische Philosophie und Naturwissenschaften. (2. Auflage) Berlin: Akademie-Verlag.

Horkheimer, Max (1937/1992): Traditionelle und kritische Theorie. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.

Kaindl, Christina (2004): Vorwort: Kritische Wissenschaften im Neoliberalismus. Marburg: BdWi-Verlag. Forum Wissenschaft Studien 49. 2005. S. 7-10.

Laitko, Hubert (1979): Wissenschaft als allgemeine Arbeit Zur begrifflichen Grundlegung der Wissenschaftswissenschaft. Berlin: Akademie-Verlag.

Lerner, Gerda (1989): Welchen Platz nehmen Frauen in der Geschichte ein? Alte Definitionen und neue Aufgaben. In: Denkverhältnisse. Feminismus und Kritik. Hrsg. v. Elisabeth List und Herlinde Studer. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S. 334-352.

Rifkin, Jeremy (1987): Von Schweinen, Toastern und Genen. Ein Interview mit Jeremy Rifkin. In: FORUM Wissenschaft. Nr. 2, 1987. S. 52-54.

Schiller, Friedrich (1789): Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Reprint des Erstdr. der Jenaer akademischen Antrittsrede aus dem Jahre 1789. Jena: Bussert 1996.

Scharping, Michael (Hrsg.) (2001): Wissenschaftsfeinde? „Science Wars“ und die Provokation der Wissenschaftsforschung. Münster: Westfälisches Dampfboot.

Schlemm, Annette (2005a): Wie wirklich sind Naturgesetze? Auf Grundlage einer an Hegel orientierten Wissenschaftsphilosophie. Münster: LIT-Verlag.

Schlemm, Annette (2005b): Um welches Wissen geht es? Von radikaler Wissenschaftskritik und der Suche nach neuen Weisheiten. In: Wissen und Bildung in der modernen Gesellschaft. Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e.V. Leipzig 2005. S. 167-179.

Sohn-Rethel, Alfred (1972): Geistige und körperliche Arbeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Wolf; Frieder Otto (2004): Der Kaiser ist nackt. ÖH_Magazin (Österreichische HochschülerInnenschaft) 06/2004. http://oeh.ac.at/oeh/progress/109769367851/109769740825/109769890618 (Zugriff 13. Mai 2006).

Materialismus heute: Des Abriss erster Teil

In der dreiteiligen Reihe „Materialismus heute“ veröffentlichen wir zum Einstieg einen gleichnamigen Essay Annette Schlemms, welcher im Jahre 2010 erschienen ist.

Materie ist die Substanz der objektiv-realen Utopie“ (Bloch)

Jörg schlug (im Zusammenhang mit der Überarbeitung der „Gegenbilder“) vor, als philosophische Ausgangsbasis so etwas wie einen „Anarchistischen Materialismus“ zu erarbeiten. Meine Überlegungen dazu sind folgende:

Wenn wir uns fragen, was „Materialismus“ heute bedeuten kann, so müssen wir uns natürlich fragen, wogegen er sich abgrenzt.

Ich denke, Materialismus grenzt sich ab von der Vorstellung, dass die Welt und die Prozesse in ihr von einem äußerlichen Standpunkt a bestimmt werden. Materialistisch vorzugehen bedeutet deshalb, die Welt aus sich selbst heraus zu erklären. Eine weitere nichtmaterialistische Vorstellung ist es, wenn allein subjektive Willensentscheidungen darüber entscheiden würden, was geschieht. Der Materialismus hingegen betont, dass alles Ideelle, dessen Existenz er natürlich auch anerkennt, an etwas Vorgängiges gebunden ist. Bewusstsein ist nicht freischwebend, sondern ihr Ursprung ist etwas, das nicht Bewusstsein ist und sie ist Entwicklungsprodukt von etwas, das nicht selbst schon Bewusstsein ist, eben von „Materie“. Materie wird nicht nur dargestellt in anfassbaren körperlichen Dingen, sondern auch die gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen die Menschen ihr Leben leben, sind ihrem Denken und Wollen vorgängig und deshalb materiell.

Materie wie auch Bewusstsein werden als real betrachtet, sie existieren wirklich. Aber nur die Materie ist unabhängig vom Bewusstsein, das Bewusstsein aber ist nicht unabhängig von der Materie.

Eine materialistische Weltsicht geht davon aus, dass es materielle Prozesse schon lange gegeben hat, bevor Wesen mit Bewusstsein entstanden sind. Auf alle anderen denkbaren „geistigen Entitäten“ wie Götter oder etwas Geistiges, das dem Universum über- und vorgelagert ist, wird hier verzichtet.

Sobald die Menschen entstanden sind, ist natürlich in besonderer Weise darüber zu diskutieren, wie sich Bewusstsein (Geist) und Materie (materielle Verhältnisse, Prozesse…) zueinander verhalten.

Hier kommt nun ins Spiel, wie wir über Menschen denken. Wodurch ist das Menschsein bestimmt? Bewusstsein und Denken gibt es – auf jeden Fall auf einem bestimmten Niveau – nur für Menschen. Sprache zeichnet das Menschsein auch aus. Das sind auch so etwas wie „geistige Entitäten“. Nun könnte man einerseits annehmen, diese geistigen Entitäten seien für sich einfach so entstanden als „freischwebendes“ Spezifikum der Menschen oder man könnte auch annehmen, dass die moderne Biologie nachgewiesen habe, dass all diese Fähigkeiten ihr Fundament „ganz materiell“ in den Genen haben. Beides sind häufige Annahmen. Beide Vorstellungen verabsolutieren jeweils Merkmale des Menschen (einseitig als Geistwesen oder einseitig als biologische Wesen) – ohne die wirklichen Menschen zu betrachten.

Wirklich, d.h. wie sie wirken, sind die Menschen arbeitende Menschen. Karl Marx und Friedrich Engels schrieben deshalb:

„Die Voraussetzungen, mit denen wir beginnen […] sind die wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen, sowohl die vorgefundenen wie die durch ihre eigne Aktion erzeugten.“ (MEW 3: 20)

Die Fähigkeiten, die wir als geistige bezeichnen, sind während der Arbeit entstanden, die wesentlich für die Menschwerdung war. Menschen haben leibliche Bedürfnisse und arbeiten an materiellen Gegenständen, um diese Bedürfnisse zu befriedigen. Sie produzieren ihre eigenen Lebensbedingungen selbst und das ist der Unterschied zu allen Tierarten. Sie produzieren die Dinge, die sie zum Leben brauchen, sie erzeugen dabei auch ihre eigenen gesellschaftlichen Beziehungen, sie entwickeln dabei Wissen, Ideen, Wünsche und Ziele. Und obwohl diese Ideen, Wünsche und Ziele oft über die materiell gegebenen Tatsachen hinaus schießen und auch das Erzeugen von neuen Tatsachen anleitet, so sind auch hier nicht die ideellen Faktoren das Primäre. Es muss berücksichtigt werden, dass auch diese Vorstellungen und sogar die utopischsten Ziele konkret etwas zu tun haben mit den wirklichen, den gerade gegebenen Lebensbedingungen.

„Die Menschen sind die Produzenten ihrer Vorstellungen, Ideen pp., aber die wirklichen, wirkenden Menschen, wie sie bedingt sind durch eine bestimmte Entwicklung ihrer Produktivkräfte und des denselben entsprechenden Verkehrs bis in seinen weitesten Formationen hinauf.“ (MEW 3: 26)

Es gibt in der geistigen Geschichte der Menschheit verschiedene Arten, sich Materie vorzustellen. Die ersten waren substantiell, d.h. man versuchte, dingliche Substanzen als Grundlage von allem was es in der Welt gibt, zu denken. Inzwischen ist bekannt, dass alles Gegenständliche, Dingliche eine Art „Kristallisation“ innerhalb von Prozessen darstellt. Das moderne, neuzeitliche Denken orientiert sich eher an Relationen und Beziehungen als an Dingen und Substanzen. Dabei können die Gegenstände auch ganz in der Relationalität „aufgelöst“ werden. Aber das ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Es wird noch etwas komplizierter: Höherentwickelte Konzepte wie die Dialektik versuchen, das was sie betrachten, als Verhältnis zu betrachten. Das Problem mit dem substantiellen Denken ist, dass es zu einem naiven, mechanischem Materialismus führt und das Problem mit dem relationalen Denken, dass es i.a. in idealistischer Weise gedacht wird.

Der philosophische „Verhältnis“-Begriff, den wir für einen sinnvollen neueren Materialismus brauchen, unterscheidet sich von dem üblichen, bei dem es um ein „Verhältnis von X zu Y“ geht (als andere Beschreibung für „Beziehung“). Wir müssen jetzt nichtlinear denken: Es geht um ein Verhältnis mit sich selbst, wobei diese Beziehung durch etwas anderes vermittelt ist. Es ist ein Verhältnis auf sich selbst durch etwas anderes hindurch. A ist A, weil es eine bestimmte Beziehung zu B hat. Dann ist A durch das Verhältnis von sich selbst zu B bestimmt.

Dabei wird dann der Gegenstand, um den es geht, so gedacht, dass er das, was er ist, gerade durch seine Beziehungen zu anderem ist. Ich bin die Blogschreiberin Annette, insofern ich durch den Blog Beziehungen zu den Leser_innen und Kommentator_innen ermögliche. Ich beziehe diese Beziehungen in allen meinen Lebensbereichen auf mich selbst und bin bzw. entwickle mich dadurch immer weiter.

Gesellschaftliche Verhältnisse sind nun jene Vermittlungsprozesse der Gesellschaft, durch die eine gegebene Gesellschaftsform sich selbst immer wieder selbst erzeugt. Alle Individuen werden in bestimmte Formen hineingeboren und können diese gesellschaftlichen Verhältnisse nicht als Individuen wegträumen oder verändern. Auf diese Weise sind diese gesellschaftlichen Verhältnisse ihren Gedanken und ihren Wünschen immer vorgängig, also materiell. Menschen können diese gesellschaftlichen Verhältnisse durchaus ändern, das ist in der Geschichte auch immer wieder geschehen. Aber das können sie nur, wenn ihre Gedanken zur materiellen Gewalt werden.

„Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“ (MEW 1: 385)

Wenn wir also unserem politischen Handeln eine materialistische Weltanschauung zugrunde legen, kann es nicht darum gehen, auf irgend welche dinglichen Gegenstände zu setzen, sondern die materiellen Verhältnisse umzugestalten.

Ein wichtiges Moment einer Weltanschauung, die auf Welt- und Gesellschaftsveränderung abzielt, besteht darin, die Materie als veränderungs- und entwicklungsfähig zu betrachten. Ernst Bloch erinnert immer wieder daran, dass das Wort „Materie“ von „mater“ herkommt, was „fruchtbarer Weltschoß“ bedeutet (Bloch MP: 17).

Die Welt ist keine statische Gegebenheit, sondern eine Fülle von wechselwirkenden Prozessen. In diesen Prozessen kann entsteht aus Möglichkeiten heraus jeweils Neues entstehen. Entwicklung, wenn sie nicht durch bewusstes Tun angetrieben wird, entsteht allein dadurch, dass sich bei der Existenz von allen Prozessen die Bedingungen verändern. Das Spätere basiert auf den früher entstandenen Bedingungen – jeder Prozess verändert seine eigenen Bedingungen (Aufnahme von Stoffen und Energie, Abgabe von Stoffen und Energie in umgewandelter Form) und muss sich deshalb selbst auch verändern (Aufbrauchen der eigenen Bedingungen, Entstehen von Bedingungen für Neues). (vgl. Schlemm 1996)

„Es kommt darauf an, das Subjektive nicht idealistisch in der Luft hängen zu lassen, aber auch das Materielle nicht mechanisch auf dem Boden liegen zu lassen, als einen Klotz.“ (Bloch EM: 21)

Gesellschaftliches Handeln verändert schließlich die Tatsachen, entweder innerhalb gegebener Möglichkeitsräume innerhalb eines gegebenen Rahmens oder bei der Infragestellung und Außerkraftsetzungen des gegebenen Rahmens selbst, so dass völlig neue Möglichkeiten entstehen können. Menschen erzeugen im Unterschied zu anderen Faktoren in der Natur ihre eigenen Lebensbedingungen – und auch die gesellschaftliche Form, die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie das tun. Menschen handeln nie nur entsprechend vorgegebenen Erfordernissen, sondern sie können bewusst wählen zwischen verschiedenen Handlungsoptionen – auch bezüglich der Rahmenbedingungen. Sie können nur im Horizont innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen (gesellschaftliche Verhältnisse) bleiben oder darüber hinaus streben (siehe besonders in der Kritischen Psychologie). Das „Darüber-hinaus-Streben“, das sich in „überschießenden“ Träumen, Wünschen, Vorstellungen und Gedanken äußert, ist nicht beliebig, sondern historisch eingebunden, verbunden mit den jeweiligen Bedingungen und Möglichkeiten.

Aktives Handeln gewinnt deshalb, wenn es diese Bedingungen und Möglichkeiten nicht ignoriert, sondern analysiert und in den Handlungsstrategien berücksichtigt.

„Ohne Materie ist kein Boden der (realen) Antizipation, ohne (reale) Antizipation kein Horizont der Materie erfassbar.“ (Bloch PH: 273-274)

Zu diesen materiellen Verhältnissen gehören ganz wesentlich die Verhältnisse, in denen die Menschen Lebensgüter, sich selbst und ihre gesellschaftlichen Verhältnisse produzieren – die Produktionsverhältnisse. Bei der materialistischen Betonung der Produktion für das menschliche Leben geht es nicht um „Produktion um der Produktion“ willen. Sondern es geht darum, dass die Art und Weise der Produktion (d.h. auch der Reproduktion) letztlich bestimmt, wie Menschen leben und auch, was und wie sie denken können.

„Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren.“ (MEW 3: 21)

Diese Aussagen gelten für Menschen ganz allgemein, gleichgültig, in welcher Zeit, in welcher Kultur, unter welchen konkreten gesellschaftlichen Verhältnissen sie leben. Im Kapitalismus gibt es besondere Gründe, dass ein Modus von Produktion vorherrscht, bei dem es nicht nur um „Produktion um der Produktion willen“ geht, sondern um „Produktion um des Profits willen“ – auf Kosten von Natur und der menschlichen Entfaltungsmöglichkeiten überall auf der Welt. Bei aller Kritik dieses Produktivismus (im engeren Sinne) und auch des damit verbundenen konsumistischen „Materialismus“ sollte die Basis des menschlichen Lebens in der Herstellung der eigenen Lebensbedingungen (d.h. der Produktion im weiteren Sinne) nicht aus den Augen verloren werden. Denn hier haben wir die Hebel, an denen wir selbst hantieren müssen, wenn wir die Lebens- und Produktionsweise, d.h. die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern wollen.

Welche Beziehung gibt es nun von einer solchen Materialismusvorstellung zum Anarchismus? Anarchismus steht ein für Herrschaftsfreiheit. Letztlich ist das ein Begriff, der aus der politischen Theorie kommt, während „Materialismus“ allgemeiner philosophisch zu verstehen ist. Es kann aber berechtigt gefragt werden: Welche Art von Materialismus kann nicht herrschaftsförmig interpretiert werden? Ein herrschaftsförmiges materialistisches Denken würde etwa so funktionieren: „Die Materie und ihre Gesetze bestimmen, wo es lang geht und wir sagen Euch, wo ihr euch deshalb hinbewegen müsst!“ Das war Bestandteil des „Avantgarde“-Denkens: Die Avantgarde kennt die Gesetze der menschlichen Entwicklung und kann deshalb alle anderen anleiten, diese Gesetze zu verwirklichen. Ein nicht herrschaftsförmiges materialistisches Denken ist aber auch möglich:

Die Entwicklung der materiellen Verhältnisse, teilweise bedingt durch den Menschen äußerliche Faktoren (Natur), teilweise bedingt durch menschliches Handeln, eröffnet Möglichkeitsräume, deren Bedingungen viele weitere neue Entwicklungswege ermöglichen. Welchen Entwicklungsweg wir wählen, ist nicht vorher bestimmt und von anderen diktierbar.

Unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen gibt es neben den natürlichen Bedingungen weitere Festlegungen, die als Einschränkungen wirken. Das können persönliche Zwangs- und Gewaltverhältnisse sein. Das kann aber auch dadurch gegeben sein, dass die Individuen zwar persönlich frei sind, aber nur überleben können, wenn sie ihre Arbeitskraft verkaufen (oder zumindest so tun). Dann braucht es gar keine direkten Zwangsverhältnisse, dann wirken die anonymen gesellschaftlichen Verhältnisse (was und wie produziert wird, bestimmen die Kapitalgeber/Produktionsmittelbesitzer – Menschen ohne Kapital/Produktionsmittel müssen ihre Arbeitskraft verkaufen) beherrschend. Solche Ausbeutungs-, Unterdrückungs-, Entwürdigungs-, d.h. Herrschaftsverhältnisse gehören abgeschafft und sie können abgeschafft werden, weil auch die materiellen gesellschaftlichen Verhältnisse veränderbar sind.

Dass Herrschaftsverhältnisse längst noch nicht abgeschafft sind, hat nicht nur damit zu tun, dass zu wenige Menschen das kapieren würden, oder es wollen – sondern auch damit, dass es uns sehr schwer fällt, uns gesellschaftliche Verhältnisse vorzustellen, in denen die (Re-)Produktion des Lebens ohne diese derzeit herrschenden Strukturen befriedigend funktioniert. Wir brauchen Gegenbilder und Gegenpraxen gegen das Herrschende, aber nicht nur als geistiges Luftschloss, sondern eingeprägt in beginnende neue gesellschaftliche Verhältnisse, also materielle Verhältnisse.

(Literatur zur Bedeutung des jeweiligen Materiebegriffs innerhalb der historischen Bewegungen: Bloch: Das Materialismusproblem, seine Geschichte und Substanz. Werkausgabe Band 7. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. 1985)

Der Marxismus-Leninismus als Veräußerung des Erkenntnisprozesses einer materialistischen Weltsicht: Die Gegebenheiten sind erkennbar und veränderbar

Es folgt einleitend ein Auszug aus einem Kompendium der politischen Wissenschaften (Quelle: der vorliegende Text wurde unter Verwendung eines Abschnittes aus dem
Jugendlexikon Philosophie der DDR, VEB Bibliographisches Institut, Leipzig, 1987, S.121ff.
erstellt, der zu diesem Zweck ergänzt und leicht verändert wurde, N.G.).

Kurzgefaßt:
Was ist Marxismus-Leninismus?
Der Marxismus-Leninismus ist die
wissenschaftliche Weltanschauung der
Arbeiterklasse und ihrer revolutionären
Partei sowie zunehmend vieler anderer
fortschrittlicher Bewegungen der modernen
Epoche. Er ist das einheitliche, in sich
geschlossene System der wissenschaftlichen
Anschauungen und Theorien, das von Karl
Marx, Friedrich Engels und Wladimir
Iljitsch Lenin geschaffen wurde sowie
dessen Fortentwicklung in ihrem Geiste
durch Josef Wissarjonowitsch Stalin und
die kommunistischen Parteien.
Der Marxismus-Leninismus ist Quelle und theoretische Grundlage für die praktische Tätigkeit
der kommunistischen und Arbeiterparteien.
Der Marxismus-Leninismus – eine wissenschaftliche Weltanschauung
Die weltverändernde Kraft des Marxismus-Leninismus besteht vor allem darin, daß er den
Sozialismus und Kommunismus wissenschaftlich begründet, daß er die Theorie des
proletarischen Klassenkampfes und der Revolution sowie des sozialistischen und
kommunistischen Aufbaus ist. Die Einheit von Theorie und Praxis kommt in ihm darin zum
Ausdruck, daß die Grundlage seiner Entwicklung der Kampf der revolutionären
Arbeiterpartei, die gemeinsame Erfahrung der kommunistischen und Arbeiterbewegung ist
und daß er selbst zur materiellen Gewalt, zur materiellen Wirklichkeit im sozialistischen
Weltsystem als der größten Errungenschaft unserer Zeit wurde.
Eine fortschrittliche Theorie zur Veränderung der Gesellschaft
Karl Marx begann mit seinem treuen Freund Friedrich Engels in den 40er Jahren des 19.
Jahrhunderts die revolutionäre Lehre, die seinen Namen erhielt, auszuarbeiten. Um den
Klassenkampf gegen die Bourgeoisie erfolgreich führen zu können, benötigte das junge
Proletariat eine wissenschaftliche Theorie, welche die Gesetze der gesellschaftlichen
Entwicklung aufdeckte, Ziel, Mittel und Methoden seiner Befreiung bestimmte und seine
welthistorische Mission als Schöpfer des Kommunismus klärte. Marx und Engels hoben alle
positiven Erkenntnisse der früheren Gesellschaftstheorien dialektisch auf und gaben Antwort
auf die Fragen, die die Wirklichkeit und das fortgeschrittene Denken der Menschheit gestellt
hatte.
Was sind die Bestandteile des Marxismus-Leninismus?
Die grundlegenden Bestandteile des Marxismus-Leninismus, der dialektische und historische
Materialismus – die philosophische Grundlage –, die marxistische politische Ökonomie und
der wissenschaftliche Kommunismus bilden eine untrennbare Einheit. Klassencharakter,
offene Parteilichkeit und Wissenschaftlichkeit sind sowohl Eigenschaften der einzelnen
Bestandteile als auch Ausdruck des Wesens der Gesamttheorie des Marxismus-Leninismus.
W.I. Lenin entwickelte den Marxismus weiter
Wladimir Iljitsch Lenin entwickelte die Lehre von Marx und Engels allseitig und schöpferisch
weiter. Es entstand der Marxismus-Leninismus. Aufgrund der tiefen wissenschaftlichen und
revolutionär-praktischen Bedeutung der Erkenntnisse von W.I. Lenin wird seine Lehre, der
Leninismus, als der Marxismus der modernen Epoche bezeichnet. Lenin bestimmte den
Hauptinhalt dieser Epoche und entwickelte die einzig wissenschaftliche Theorie des
revolutionären Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus. Er begründete – ausgehend
von den Erkenntnissen von Marx und Engels – die Rolle des Proletariats und der Partei neuen
Typus bei der Errichtung der Diktatur des Proletariats und die allgemeinen
Gesetzmäßigkeite~ der sozialistischen Revolution und des sozialistischen Aufbaus unter den
Bedingungen der Epoche.
Auseinandersetzung mit Irrtümern und Abweichungen
Einen unerbittlichen Kampf führten Lenin und Stalin gegen alle idealistischen Entstellungen
und revisionistischen Verfälschungen des Marxismus, sie verteidigten streitbar dessen
entscheidende Grundlagen, den Materialismus und die Dialektik, und entwickelten diese mit
den anderen Bestandteilen der Marxschen Lehre weiter. So begründete Lenin u.a. die Theorie
des Imperialismus sowie die Grundlagen der politischen Ökonomie des Sozialismus, die
Theorie vom Hinüberwachsen der bürgerlich-demokratischen in die sozialistische Revolution
und arbeitete die Lehre von der Partei neuen Typus, vom Klassenkampf in der Periode der
sozialistischen Revolution und von der Bündnispolitik der Arbeiterklasse aus. Er entwickelte
ferner die marxistische Staatstheorie und begründete den Plan für den Aufbau der
sozialistischen Gesellschaft.
Der klare Weg führt zu einer proletarischen Revolution
Lenin widmete sich auch der sozialistischen Jugendpolitik und sah in der Jugend eine
bedeutende Kraft für die revolutionäre Umgesfaltung der Gesellschaft. Die Große
Sozialistische Oktoberrevolution in Rußland unter Führung der Kommunistischen Partei
leitete eine neue historische Epoche ein: die Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum
Sozialismus. Die Theorie des Marxismus-Leninismus ist im realen Sozialismus zur
praktischen Wirklichkeit geworden und hat damit ihren Wahrheitsgehalt bewiesen.
Warum hat der Sozialismus eine einstweilige Niederlage erlitten?
Nach der Ermordung Stalins begann eine Phase des Revisionismus und des Niedergangs des
Sozialismus, die 1990 mit der Zerstörung des sozialistischen Weltssystems endete. Danach
erfolgte wiederum eine Restauration der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Die
Sowjetunion wurde zerspalten und die DDR vom westdeutschen Imperialismus annektiert.
Auch die anderen sozialistischen Länder erlebten eine Restauration des Kapitalismus. Was
sogar wie in der Ukraine, einem ehemals sozialistischen Land, zum Faschismus führte. Das
allerdings beweist keineswegs eine Überlegenheit des Kapitalistismus, wie das reaktionäre
Kräfte gerne sehen möchten. Im Gegenteil: die Anarchie der Wirtschaft, das politische Chaos
und die zunehmende Aggressivität des USA-Imperialismus und der NATO beweisen einmal
mehr, wie recht Stalin hatte, als er warnend sagte:“Was wäre die Folge, wenn Proletarier aller Länder der Republik der Sowjets nicht Sympathie und Unterstützung erwiesen? Intervention und Zerschlagung der Republik der Sowjets wäre ihre Folge. {…} Was wird geschehen, wenn sich die Sympathie und Hilfe der Proletarier aller Länder für die Republik der Sowjets verstärkt und steigert?“
Wie geht es nun weiter?
Die bürgerlichen Gesellschaftstheorien haben allesamt Schiffbruch erlitten. Ein Beispiel für
einen solchen pseudowissenschaftlichen Unsinn sind die liberalistischen Theorien des Ludwig
v.Mises, auf den sich heute immer noch bürgerliche Ideologen berufen. Der Marxismus-
Leninismus hingegen entwickelt sich beständig weiter und ist auch in unseren Tagen die
Grundlage für einen erneuten Aufbau des Sozialismus. Auf den Parteitagen der
kommunistischen Parteien wurden die Theorie der entwickelten sozialistischen Gesellschaft
und die ökonomische Strategie wissenschaftlich erarbeitet, deren Realisierung den Menschen
ein Leben in Frieden, Wohlstand und Glück eröffnete. Dabei ist heute erneut die
Auseinandersetzung mit revisionistischen und fortschrittsfeindlichen Auffassungen, wie sie
zum Beispiel die deutsche Partei „Die Linke“, die russische KPRF oder die griechische Syriza
vertreten, unabdingbar, da solche Theorien in eine Sackgasse führen und den Übergang zum
Sozialismus verhindern. Die bisherigen gewaltigen Erfolge des gesellschaftlichen Fortschritts
des Sozialismus auf der Erde bis zu seiner zeitweiligen Niederlage sind Zeugnisse der Energie
der Massen, die der Marxismus-Leninismus freisetzt. Der Marxismus-Leninismus ist und
bleibt eine junge Wissenschaft; er ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln.

Unsere Arbeit

Das Institut zur Kultivierung wissenschaftlich-materialistischer Weltanschauungen/Presseverzeichnis für proletarischen Internationalismus (ikww/pvpi) ist ein loser Verbund studentischer Beschäftigter, kurzum Lernender, von Werktätigen und Freiwilligen. Ziel unserer Bildungsinstitution ist es, ein unabdingbares historisch-materialistisches Weltbild und eine rationale Verstandesarbeit, einen reflektierten Erkenntnisapparat aufzubauen, der in derartig politischen Verhältnissen, in denen die vorranschreitende Ökonomisierung und Verwertung durch die marktwirtschaftlichen, allgegenwärtigen Krisenbestände anläuft, sodass dieser gerade auch entgegen den zunehmend emotiv bedingten Entscheidungsprozessen einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen formuliert.

Über das Selbstverständnis, den Bildungsanspruch mit Georgi Plechanows „Über materialistische Geschichtsauffassung“

Es folgt nun das erste, zweite und dritte Kapitel (Essais sur la conception matérialiste de l’histoire par Antonio Labriola, professeur à l’université de Rome, avec une préface de G. Sorel. Paris 1897.).

Wir gestehen, daß wir dieses Buch des römischen Professors mit nicht geringem Vorurteil in die Hand genommen haben: wir waren durch gewisse Werke seiner Landsleute, so z.B. durch A. Loria (siehe besonders seine Schrift La teoria economica della costituzione politica) abgeschreckt worden. Aber gleich die ersten Seiten des Buches überzeugten unsdavon, daß wir im Unrecht waren, und daß Antonio Labriola etwas ganz anderes ist als Achile Loria. Am Schluß der Lektüre angelangt, verspürten wir Lust, uns über das Buch mit dem russischen Leser zu unterhalten. Hoffentlich nimmt er uns das nicht übel. Sind ja

So selten Bücher mit Gehalt!

Labriolas Werk erschien zuerst italienisch. Die französische Übersetzung ist steif, stellenweise geradezu mißlungen. Wir sagen das mit aller Bestimmtheit, obwohl wir das italienische Original nicht bei der Hand haben. Der italienische Verfasser darf jedoch für den französischen Übersetzer nicht verantwortlich gemacht werden. Jedenfalls sind Labriolas Gedankengänge auch in der schwerfälligen französischen Übersetzung verständlich. Wir wollen nun sehen, welcher Art diese Gedanken sind.

Herr Karejew, der bekanntlich ein recht eifriger Leser ist und sehr treffend jedes „Werk“ zu entstellen weiß, das auch nur irgendwie auf die materialistische Auffassung der Geschichte Bezug hat, wird sicherlich unseren Verfasser in das Ressort des „ökonomischen Materialismus“ eintragen. Das wäre falsch. Labriola vertritt fest und ziemlich konsequent die materialistische Geschichtsauffassung; für einen „ökonomischen Materialisten“ hält er sich jedoch nicht. Er ist der Meinung, daß diese Bezeichnung eher auf Autoren wie den bekannten T. Rodgers paßt als auf ihn und seine Gesinnungsgenossen. Und das trifft auch im höchsten Grade zu, obwohl es auf den ersten Blick nicht ganz einleuchtet.

Man frage einen beliebigen Volkstümler oder Subjektivisten, was denn ein ökonomischer Materialist sei. Er wird antworten: das ist ein Mensch, der dem ökonomischen Faktor eine dominierende Bedeutung im gesellschaftlichen Leben beimißt. So fassen den ökonomischen Materialismus unsere Volkstümler und Subjektivisten auf. Und es muß zugegeben werden, daß es zweifellos Leute gibt, die dem ökonomischen „Faktor“ eine dominierende Rolle im Leben der menschlichen Gesellschaften einräumen. Herr Michailowski wies mehr als einmal auf Louis Blanc hin, der von der Herrschaft. des oben erwähnten Faktors viel früher sprach als der bekannte Lehrmeister [1*] der bekannten russischen Schüler. Wir verstehen das eine nicht: warum hat sich unser prominenter subjektiver Sozologe denn Louis Blanc ausgesucht? Er hätte doch wissen sollen, daß Louis Blanc in der uns interessierenden Frage viele Vorläufer hatte. Sowohl Guizot als Mignet, Augustin Thierry und Tocqueville haben die überwiegende Rolle des „ökonomischen“ Faktors wenigstens für die Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit anerkannt. Demnach wären also alle diese Historiker ökonomische Materialisten. In unseren Tagen hat sich der erwähnte T. Rodgers in seinem Buch The economic interpretation of history ebenfalls als überzeugter ökonomischer Materialist gezeigt; er hat ebenfalls die vorwiegende Bedeutung des ökonomischen „Faktors“ anerkannt. Daraus folgt natürlich noch nicht, daß die sozialpolitischen Auffassungen T. Rodgers mit denen z.B. Louis Blancs identisch sind. Rodgers vertrat den Standpunkt der bürgerlichen Ökonomie, Louis Blanc aber war einst einer der Vertreter des utopischen Sozialismus. Hätte man Rodgers gefragt, welche Auffassung er von der bürgerlichen Wirtschaftsordnung habe, so hätte er zur Antwort gegeben, daß dieser Ordnung die Grundeigenschaften der menschlichen Natur zugrundeliegen und daß die Entstehungsgeschichte dieser Ordnung darum die allmähliche Beseitigung. der Hindernisse sei, die einstmals die Äußerung der genannten Eigenschaften erschwert oder gar unmöglich gemacht haben. Louis Blanc hätte hingegen erklärt, daß der Kapitalismus selbst eines der durch Unwissenheit und Gewalt aufgerichteten Hindernisse auf dem. Wege zur Schaffung derjenigen ökonomischen Ordnung sei, die endlich der menschlichen Natur tatsächlich entsprechen wird. Das ist, wie man sieht, eine sehr wesentliche Meinungsverschiedenheit. Wer ist der Wahrheit näher gekommen? Wir sind, offen gesagt. der Meinung, daß diese beiden Verfasser von der Wahrheit fast gleich weit entfernt sind, doch wollen und können wir hier: bei dieser Frage nicht verweilen. Für uns ist jetzt etwas anderes von Belang. Wir bitten den Leser, davon Notiz zu nehmen, daß sowohl für Louis Blanc als auch für Rodgers der im gesellschaftlichen Leben vorherrschende ökonomische Faktor selbst eine, um mit der Mathematik zu sprechen, Funktion der menschlichen Natur, und hauptsächlich des menschlichen Verstandes und der menschlichen Kenntnisse war. Dasselbe müßte auch von den von uns oben erwähnten französischen Geschichtsschreibern aus der Zeit der Restauration gesagt werden. Nun, wie soll man dann die historischen Auffassungen der Leute bezeichnen, die zwar behaupten, daß der ökonomische Faktor im gesellschaftlichen Leben dominiere, die aber zu gleicher Zeit davon überzeugt sind, daß dieser Faktor – d. h. die Ökonomie der Gesellschaft – seinerseits eine Frucht der menschlichen Kenntnisse und Begriffe sei? Derartige Anschauungen kann man nicht anders als idealistisch bezeichnen. Der ökonomische Materialismus schließt demnach den historischen Idealismus noch nicht aus. Aber auch das ist noch nicht ganz exakt. Wir sagen: er schließt den Idealismus noch nicht aus, man müßte aber sagen: er kann eine einfache Abart des historischen Idealismus sein und bisher war er es auch meistens. Nach alledem wird begreiflich, warum Leute wie Antonio Labriola sich nicht für ökonomische Materialisten halten: eben deshalb, weil sie konsequente Materialisten sind, und eben deshalb, weil, historisch gesehen, ihre Auffassungen den direkten Gegensatz zu dem historischen Idealismus darstellen.

„Aber“, wird uns wohl Herr Kudrin sagen, „nach der vielen Schülern eigentümlichen Gewohnheit nehmen Sie zu Paradoxen, Wortspielen, Spiegelfechtereien und Schwertschlucken Zuflucht. Bei Ihnen haben sich die Idealisten als ökonomische Materialisten entpuppt. Wie soll man aber in diesem Fall die echten und konsequenten Materialisten verstehen? Lehnen diese etwa den Gedanken der Vorherrschaft des ökonomischen Faktors ab? Erkennen sie denn an, daß neben diesem Faktor in der Geschichte noch andere Faktoren wirken, und daß wir vergeblich nachspüren würden, welcher der Faktoren über die anderen herrscht? Man muß sich über die echten und konsequenten Materialisten nur freuen, wenn sie in der Tat keine Neigung haben, überall den ökonomischen Faktor anzubringen.“

Dem Herrn Kudrin werden wir zur Antwort geben, daß die echten und konsequenten Materialisten in der Tat keine Neigung haben, überall mit dem ökonomischen Faktor anzutanzen. Ja, die Frage selbst, welcher Faktor im gesellschaftlichen Leben vorherrsche, scheint ihnen eine unbegründete Frage zu sein. Aber Herr Kudrin soll nicht vorzeitig frohlocken. Die echten und konsequenten Materialisten sind zu dieser Überzeugung keineswegs unter dem Einfluß der Herren Volkstümler und Subjektivisten gelangt. Für die Einwände, die diese Herren gegen den Gedanken der Vorherrschaft des ökonomischen Faktors vorbringen, haben die echten und konsequenten Materialisten nur ein Lächeln übrig. Außerdem sind die Herren Volkstümler und Subjektivisten mit diesen Einwänden zu spät gekommen. Wie unangebracht die Frage ist, welcher Faktor im gesellschaftlichen Leben vorherrsche, ist schon seit den Zeiten Hegels in Erscheinung getreten. Der Hegelsche Idealismus schloß selbst die Möglichkeit derartiger Fragen aus. Um so mehr schließt sie unser heutiger dialektischer Materialismus aus. Seitdem die Kritik der kritischen Kritik erschienen ist und insbesondere seit dem Erscheinen des bekannten Buches Zur Kritik. der politischen Ökonomie konnten sich nur noch theoretisch rückständige Menschen über die Frage nach der relativen Bedeutung der verschiedenen sozial-historischen Faktoren herumstreiten. Wir wissen, daß unsere Worte nicht allein den Herrn Kudrin in Erstaunen setzen werden, und deshalb beeilen wir uns, deutlicher zu werden.

Was bedeutet das: sozial-historische Faktoren? Wie entsteht die Vorstellung von diesen?

Nehmen wir ein Beispiel. Die Bruder Gracchus sind bestrebt, dem für Rom verderblichen Prozeß des Raubs der gesellschaftlichen Ländereien durch die römischen Reichen Einhalt zu gebieten. Die Reichen leisten den Gracchen Widerstand. Es entspinnt sich ein Kampf. Jede der kämpfenden Parteien verfolgt leidenschaftlich ihre Ziele. Wollte ich diesen Kampf schildern, so könnte ich ihn als einen Kampf menschlicher Leidenschaften darstellen. Dann würden die Leidenschaften als die „Faktoren“ der inneren Geschichte Roms erscheinen. Aber sowohl die Gracchen selber als auch ihre Gegner benutzten im Kampfe die Mittel, die ihnen das römische Staatsrecht gab. Ich werde das natürlich in meiner Schilderung nicht vergessen, und so wird sich da s römische Staatsrecht ebenfalls als Faktor der inneren Entwicklung der römischen Republik erweisen.

Weiter: die Leute. die gegen die Gracchen kämpften, waren an der Aufrechterhaltung des tief eingewurzelten Mißbrauchs materiell interessiert.

Die Leute, die die Gracchen unterstützten, waren an der Beseitigung des Mißstands materiell interessiert. Ich werde auch auf diesen Umstand hinweisen, so daß der von mir geschilderte Kämpf als Kampf materieller Interessen, als Kampf von Klassen, als Kampf ä er Armen gegen die Reichen erscheinen wird. Folglich habe ich schon einen dritten Faktor, und diesmal den interessantesten: den berühmten ökonomischen Faktor. Wenn Sie Zeit und Lust haben, können Sie, lieber Leser, sich weitläufigen Betrachtungen über das Thema hingeben, welcher Faktor der inneren Entwicklung Roms es war, der gerade über alle übrigen dominierte: in meiner geschichtlichen Darstellung werden Sie Material genug finden, uni eine beliebige Auffassung diesbezüglich zu vertreten.

Was mich selbst betrifft, so will ich einstweilen die Rolle des einfachen Erzählers nicht aufgeben, – ich werde mich wegen der Faktoren nicht allzusehr ereifern. Ihre relative Bedeutung interessiert mich nicht. Als Erzähler brauche ich das eine: möglichst genau und lebendig die betreffenden Geschehnisse darzustellen: Dazu muß ich einen gewissen, wenn auch nur äußerlichen Zusammenhang zwischen ihnen herstellen und sie von einer gewissen Perspektive aus gruppieren. Wenn ich die Leidenschaften erwähne, die die kämpfenden Parteien bewegten, oder die damalige Verfassung Roms, oder endlich die dort bestehende Ungleichheit des Besitzes, so tue ich das einzig und allein im Interesse einer zusammenhängenden und lebendigen Schilderung der Ereignisse. Sobald ich dieses Ziel erreicht habe, werde ich mich vollkommen befriedigt fühlen und werde es gleichgültig den Philosophen überlassen zu entscheiden, ob die Leidenschaften über die Ökonomie dominieren, oder die Ökonomie über die Leidenschaften, oder schließlich keines über das andere, da jeder „Faktor“ sich die goldene Regel zunutze macht: leben und leben lassen.

All das wird dann der Fall sein, wenn ich in der Rolle des einfachen Erzählers verbleibe, dem jede Neigung zum Klügeln und Spekulieren fremd ist. Wie aber, wenn ich mich auf diese Rolle nicht beschränke, wenn ich über die von mir beschriebenen Ereignisse zu philosophieren beginne? Dann begnüge ich mich nicht mehr mit dem äußeren Zusammenhang der Ereignisse; dann werde ich ihre inneren Ursachen aufdecken wollen, und gerade diejenigen Faktoren – die menschlichen Leidenschaften, das Staatsrecht, die Ökonomie – die ich früher hervorhob und in den Vordergrund stellte, als ich mich fast nur von künstlerischem Trieb leiten ließ, werden in meinen Augen eine neue gewaltige Bedeutung gewinnen. Sie werden mir gerade als die gesuchten. inneren Ursachen erscheinen, gerade als diejenigen „verborgenen Kräfte“, durch deren Einfluß die Geschehnisse auch zu erklären sind. Ich werde dann eine Theorie der Faktoren aufstellen.

Die eine oder die andere Spielart dieser Theorie muß tatsächlich überall dort entstehen, wo Menschen, die sich für die gesellschaftlichen Erscheinungen interessieren, von der einfachen Betrachtung und Beschreibung dieser Erscheinungen zu der Erforschung des zwischen ihnen bestehenden Zusammenhanges übergehen.

Die Theorie der Faktoren wächst außerdem zugleich mit der wachsenden Arbeitsteilung in der Gesellschaftswissenschaft. Sämtliche Zweige dieser Wissenschaft – Ethik, Politik, Recht, politische Ökonomie u.a. – behandeln eines und dasselbe: die Tätigkeit des gesellschaftlichen Menschen. Aber jeder von ihnen behandelt sie von seinem besonderen Standpunkt aus. Herr Michailowski würde sagen, daß jeder dieser Zweige über eine besondere „Saite“ „verfüge“. Jede „Saite“ kann als Faktor der gesellschaftlichen Entwicklung betrachtet werden. Und in der Tat, wir können jetzt fast ebenso viele Faktoren aufzählen, wie es einzelne „Disziplinen“ in der gesellschaftlichen Wissenschaft gibt.

Nach dem Gesagten wird es hoffentlich klar, was die sozial-historischen Faktoren sind und wie die Vorstellung über sie entsteht.

Der sozial-historische Faktor ist eine Abstraktion, die Vorstellung von ihm entsteht auf dem Wege des Abstrahierens. Dank dem Prozeß des Abstrahierens nehmen die verschiedenen Seiten des gesellschaftlichen Ganzen die Gestalt gesonderter Kategorien an, und die verschiedenen Äußerungen und Ausdrucksarten der Tätigkeit des gesellschaftlichen Menschen – Moral, Recht, ökonomische Formen usw. – werden in unserem Kopfe zu besonderen Kräften, die gleichsam diese Tätigkeit hervorrufen und bedingen, die als ihre letzten Ursachen erscheinen.

Ist einmal die Theorie der Faktoren entstanden, so müssen notgedrungen Diskussionen darüber entstehen, welcher Faktor als der dominierende zu betrachten sei.

Zwischen den „Faktoren“ besteht Wechselwirkung: jeder von ihnen beeinflußt alle übrigen und erfährt seinerseits den Einfluß aller übrigen. Als Ergebnis entsteht ein so verwickeltes Netz von gegenseitigen Einflüssen, direkten und reflektierten Einwirkungen, daß es einem, der sich zum Ziel setzte, sich den Gang der gesellschaftlichen Entwicklung zu erklären, schwindlig wird, und daß er das unwiderstehliche Bedürfnis empfindet, irgendeinen Faden zu finden, um aus diesem Labyrinth zu entweichen. Da die bittere Erfahrung ihn überzeugt hat, daß der Standpunkt der Wechselwirkung nur zum Kopfschwindel führt, so sucht er nach einem anderen Anhaltspunkt; er sucht seine Aufgabe zu vereinfachen. Er fragt sich, ob nicht irgendeiner der sozial-historischen Faktoren die erste Grundursache der Entstehung aller übrigen sei. Würde es ihm gelingen, diese grundlegende Frage im bejahenden Sinne zu entscheiden, so wäre seine Aufgabe in der Tat unvergleichlich einfacher. Nehmen wir an, er habe sich davon überzeugt, daß alle gesellschaftlichen Beziehungen eines jeden gegebenen Landes, in ihrer Entstehung und Entwicklung, durch den Gang der geistigen Entwicklung dieses Landes bedingt werden, und daß dieser, Gang seinerseits durch die Eigenschaften der menschlichen Natur bestimmt sei. (idealistischer Standpunkt). Dann kommt er mit Leichtigkeit aus dem circulus viciosus der Wechselwirkung heraus und schafft eine mehr oder weniger geschlossene und konsequente Theorie der gesellschaftlichen Entwicklung. In der Folge wird er durch ein weiteres Studium des Gegenstandes wohl einsehen, daß er sich geirrt hat, daß man die geistige Entwicklung der Menschheit nicht als erste Ursache der gesamten gesellschaftlichen Entwicklung betrachten kann. Sobald er seinen Irrtum eingesteht, wird er wahrscheinlich gleichzeitig auch merken, daß seine zeitweilige Überzeugung von der Herrschaft des geistigen Faktors über alle übrigen für ihn dennoch von Nutzen war, da er ohne diese Überzeugung den toten Punkt der Wechselwirkung nicht verlassen hätte und im Begreifen der gesellschaftlichen Erscheinungen keinen Schritt vorwärtsgekommen wäre.

Es wäre ungerecht, derartige Versuche zu verurteilen, diese oder jene Rangordnung zwischen den Faktoren der gesellschaftlichen historischen Entwicklung festzustellen. Diese Versuche waren zu ihrer Zeit ebenso notwendig, wie das Auftauchen der Theorie der Faktoren selbst unvermeidlich war. Antonio Labriola, der gründlicher und besser als alle anderen materialistischen Autoren diese Theorie analysiert hat, sagt sehr treffend: „Die historischen Faktoren sind etwas, was viel weniger als Wissenschaft und viel mehr als grober Irrtum ist.“ Die Theorie der Faktoren hat der Wissenschaft einen Teil Nutzen gebracht. „Die spezielle Erforschung der historisch-sozialen Faktoren hat dazu beigetragen – wie jedes empirische Studium, das über die sichtbare Bewegung der Dinge nicht hinausgeht, dazu beiträgt – unsere Beobachtungswerkzeuge zu vervollkommnen, und hat es ermöglicht, in den Erscheinungen selbst, die durch Abstraktion künstlich isoliert wurden, den Zusammenhang zu finden, der sie mit dem gesellschaftlichen Ganzen verbindet.“ In der heutigen Zeit ist das Studium der speziellen Gesellschaftswissenschaften eine Notwendigkeit für jeden, der irgendeinen Teil des vergangenen Lebens der Menschheit rekonstruieren möchte. Die Geschichtswissenschaft wäre ohne Philologie nicht weit gekommen. Und wie große Dienste haben doch der Wissenschaft jene einseitigen Romanisten geleistet, die das römische Recht für niedergeschriebene Vernunft hielten!

Aber wie berechtigt und nützlich die Theorie der Faktoren zu ihrer Zeit auch gewesen sein mag, heute hält sie keiner Kritik stand. Sie zergliedert die Tätigkeit des gesellschaftlichen Menschen, verwandelt deren verschiedene Seiten und Äußerungen in besondere Kräfte, die angeblich die historische Entwicklung der Gesellschaft bestimmen. In der Entwicklungsgeschichte, der Gesellschaftswissenschaft hat diese Theorie dieselbe Rolle gespielt wie die Theorie der einzelnen physikalischen Kräfte in der Naturwissenschaft. Die Errungenschaften der Naturwissenschaften haben zur Lehre von der Einheit dieser Kräfte, zur modernen Energielehre geführt. Ebenso mußten auch die Errungenschaften der Gesellschaftswissenschaft dazu führen, daß die Theorie der Faktoren als Resultat einer gesellschaftlichen Analyse durch eine synthetische Auffassung des gesellschaftlichen Lebens ersetzt wurde.

Die synthetische Auffassung des gesellschaftlichen Lebens ist keine Besonderheit des heutigen dialektischen Materialismus. Wir finden sie schon bei Hegel, der seine Aufgabe darin sah, den ganzen gesellschaftlich-historischen Prozeß, in seiner Gesamtheit genommen, wissenschaftlich zu erklären, d.h. unter anderem samt allen jenen Seiten und Äußerungen der Tätigkeit des gesellschaftlichen Menschen, die dem abstrakt denkenden Menschen als einzelne Faktoren vorschwebten. Als „absoluter Idealist“ erklärte, aber Hegel die Tätigkeit des gesellschaftlichen Menschen aus den Eigenschaften des Weltgeistes. Sind diese Eigenschaften einmal gegeben, so ist die gesamte Geschichte der Menschheit „an sich“, so sind auch ihre Endresultate gegeben. Die synthetische Auffassung Hegels war zu gleicher Zeit eine teleologische Auffassung. Der moderne dialektische Materialismus hat die Teleologie aus der Gesellschaftswissenschaft endgültig verbannt.

Er hat gezeigt, daß die Menschen ihre Geschichte keineswegs dazu machen, um in Bahnen des Fortschritts zu. wandeln, die im voraus vorgezeichnet seien, und auch nicht, weil sie den Gesetzen irgendeiner abstrakten (nach Labriolas Ausdruck – metäphysischen) Evolution gehorchen müssen. Sie machen die Geschichte aus dem Bestreben heraus, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, und die Wissenschaft hat uns zu erklären wie die verschiedenen Methoden der Befriedigung dieser Bedürfnisse die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen und ihre geistige Tätigkeit beeinflussen.

Die Art und Weise der Befriedigung der Bedürfnisse des gesellschaftlichen Menschen, ja, in hohem Grade auch diese Bedürfnisse selbst werden durch die Eigenschaften der Werkzeuge bestimmt, mit deren Hilfe sie sich mehr oder weniger die Natur unterwerfen; mit anderen Worten, sie werden bestimmt durch den Zustand seiner Produktivkräfte. Jede bedeutende Veränderung im Zustand dieser Kräfte spiegelt sich auch in den gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen wider, d.h. unter anderem auch in ihren ökonomischen Beziehungen. Für die Idealisten aller Gattungen und Spielarten waren die ökonomischen Beziehungen eine Funktion der menschlichen Natur; die dialektischen Materialisten halten diese Beziehungen für eine Funktion der gesellschaftlichen Produktivkräfte.

Hieraus folgt: würden die dialektischen Materialisten es für angängig halten, von den Faktoren der gesellschaftlichen Entwicklung in einem anderen Sinne zu reden als zum Zwecke der Kritik dieser veralteten Fiktionen, so hätten sie vor allem die sogenannten ökonomischen Materialisten auf die Veränderlichkeit ihres „dominierenden“ Faktors aufmerksam machen müssen; die modernen Materialisten kennen keine ökonomische Ordnung, die allein der menschlichen Natur entsprechen würde, während alle anderen Arten der ökonomischen Struktur der Gesellschaft mehr oder minder die Folge einer Vergewaltigung dieser Natur wären. Nach der Lehre der modernen Materialisten entspricht der menschlichen Natur jede ökonomische Ordnung, die dem Zustand der Produktivkräfte in der betreffenden Zeit entspricht. Und umgekehrt, jede beliebige ökonomische Ordnung beginnt die Anforderungen dieser Natur zu widersprechen, sobald sie zu dem Zustand der Produktivkräfte in Widerspruch gerät. Der „dominierende“ Faktor ist also einem anderen „Faktor“ unterworfen. Nun, wie steht es nach all dem mit seinem „Dominieren“?

Wenn dem allen so ist, dann ist klar, daß zwischen den dialektischen Materialisten und den Leuten, die man nicht ohne Grund als ökonomische Materialisten bezeichnen kann, ein wahrer Abgrund liegt. Zu welcher Richtung gehören aber jene ganz unangenehmen Schüler des nicht ganz angenehmen Lehrers, gegen die die Herren Karejew, N. Michailowski, S. Kriwenko und andere gescheiten und gelehrten Leute noch vor kurzem mit so viel Leidenschaft, wenn auch nicht mit ebensoviel Erfolg auftraten? Wenn wir uns nicht irren, vertraten die „Schüler“ ganz und gar den Standpunkt des dialektischen Materialismus. Warum haben ihnen dann die Herren Karejew, N. Michailowski, S. Kriwenko und andere gescheiten und gelehrten Leute die Auffassungen der ökonomischen Materialisten zugeschrieben und gegen sie gerade deswegen gewettert, weil sie angeblich dem ökonomischen Faktor eine übertriebene Bedeutung beimessen? Man könnte annehmen, daß die gescheiten und gelehrten Leute das taten, weil die Argumente der ökonomischen Materialisten seligen Andenkens leichter zu widerlegen sind als die Argumente der dialektischen Materialisten. Man könnte aber auch annehmen, daß unsere gelehrten Gegner der Schüler deren Auffassungen schlecht kapiert haben. Diese Vermutung scheint sogar wahrscheinlicher zu sein.

Man wird uns womöglich erwidern, daß die „Schüler“ selber sich mitunter als ökonomische Materialisten bezeichneten und daß die Bezeichnung „ökonomischer Materialismus“ zum erstenmal von einem der französischen „Schüler“ gebraucht worden ist. Das stimmt. Aber weder die französischen noch die russischen Schüler haben je an das Wort „ökonomischer Materialismus“ die Vorstellung geknüpft, die unsere Volkstümler und Subjektivisten mit ihm verbinden. Es genügt, an den Umstand zu erinnern, daß – nach der Meinung des Herrn N. Michailowski – Louis Blanc und der Herr J. Shukowski ebensolche „ökonomische Materialisten“ waren, wie es unsere heutigen Anhänger der materialistischen Geschichtsauffassung sind. Weiter kann die Begriffsverwirrung nicht gehen.

Anmerkung des Übersetzers:

1*. Unter dem „bekannten Lehrmeister“ ist Karl Marx, unter „Schüler“ sind Marxisten zu verstehen.