Über das Selbstverständnis, den Bildungsanspruch mit Georgi Plechanows „Über materialistische Geschichtsauffassung“

Es folgt nun das erste, zweite und dritte Kapitel (Essais sur la conception matérialiste de l’histoire par Antonio Labriola, professeur à l’université de Rome, avec une préface de G. Sorel. Paris 1897.).

Wir gestehen, daß wir dieses Buch des römischen Professors mit nicht geringem Vorurteil in die Hand genommen haben: wir waren durch gewisse Werke seiner Landsleute, so z.B. durch A. Loria (siehe besonders seine Schrift La teoria economica della costituzione politica) abgeschreckt worden. Aber gleich die ersten Seiten des Buches überzeugten unsdavon, daß wir im Unrecht waren, und daß Antonio Labriola etwas ganz anderes ist als Achile Loria. Am Schluß der Lektüre angelangt, verspürten wir Lust, uns über das Buch mit dem russischen Leser zu unterhalten. Hoffentlich nimmt er uns das nicht übel. Sind ja

So selten Bücher mit Gehalt!

Labriolas Werk erschien zuerst italienisch. Die französische Übersetzung ist steif, stellenweise geradezu mißlungen. Wir sagen das mit aller Bestimmtheit, obwohl wir das italienische Original nicht bei der Hand haben. Der italienische Verfasser darf jedoch für den französischen Übersetzer nicht verantwortlich gemacht werden. Jedenfalls sind Labriolas Gedankengänge auch in der schwerfälligen französischen Übersetzung verständlich. Wir wollen nun sehen, welcher Art diese Gedanken sind.

Herr Karejew, der bekanntlich ein recht eifriger Leser ist und sehr treffend jedes „Werk“ zu entstellen weiß, das auch nur irgendwie auf die materialistische Auffassung der Geschichte Bezug hat, wird sicherlich unseren Verfasser in das Ressort des „ökonomischen Materialismus“ eintragen. Das wäre falsch. Labriola vertritt fest und ziemlich konsequent die materialistische Geschichtsauffassung; für einen „ökonomischen Materialisten“ hält er sich jedoch nicht. Er ist der Meinung, daß diese Bezeichnung eher auf Autoren wie den bekannten T. Rodgers paßt als auf ihn und seine Gesinnungsgenossen. Und das trifft auch im höchsten Grade zu, obwohl es auf den ersten Blick nicht ganz einleuchtet.

Man frage einen beliebigen Volkstümler oder Subjektivisten, was denn ein ökonomischer Materialist sei. Er wird antworten: das ist ein Mensch, der dem ökonomischen Faktor eine dominierende Bedeutung im gesellschaftlichen Leben beimißt. So fassen den ökonomischen Materialismus unsere Volkstümler und Subjektivisten auf. Und es muß zugegeben werden, daß es zweifellos Leute gibt, die dem ökonomischen „Faktor“ eine dominierende Rolle im Leben der menschlichen Gesellschaften einräumen. Herr Michailowski wies mehr als einmal auf Louis Blanc hin, der von der Herrschaft. des oben erwähnten Faktors viel früher sprach als der bekannte Lehrmeister [1*] der bekannten russischen Schüler. Wir verstehen das eine nicht: warum hat sich unser prominenter subjektiver Sozologe denn Louis Blanc ausgesucht? Er hätte doch wissen sollen, daß Louis Blanc in der uns interessierenden Frage viele Vorläufer hatte. Sowohl Guizot als Mignet, Augustin Thierry und Tocqueville haben die überwiegende Rolle des „ökonomischen“ Faktors wenigstens für die Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit anerkannt. Demnach wären also alle diese Historiker ökonomische Materialisten. In unseren Tagen hat sich der erwähnte T. Rodgers in seinem Buch The economic interpretation of history ebenfalls als überzeugter ökonomischer Materialist gezeigt; er hat ebenfalls die vorwiegende Bedeutung des ökonomischen „Faktors“ anerkannt. Daraus folgt natürlich noch nicht, daß die sozialpolitischen Auffassungen T. Rodgers mit denen z.B. Louis Blancs identisch sind. Rodgers vertrat den Standpunkt der bürgerlichen Ökonomie, Louis Blanc aber war einst einer der Vertreter des utopischen Sozialismus. Hätte man Rodgers gefragt, welche Auffassung er von der bürgerlichen Wirtschaftsordnung habe, so hätte er zur Antwort gegeben, daß dieser Ordnung die Grundeigenschaften der menschlichen Natur zugrundeliegen und daß die Entstehungsgeschichte dieser Ordnung darum die allmähliche Beseitigung. der Hindernisse sei, die einstmals die Äußerung der genannten Eigenschaften erschwert oder gar unmöglich gemacht haben. Louis Blanc hätte hingegen erklärt, daß der Kapitalismus selbst eines der durch Unwissenheit und Gewalt aufgerichteten Hindernisse auf dem. Wege zur Schaffung derjenigen ökonomischen Ordnung sei, die endlich der menschlichen Natur tatsächlich entsprechen wird. Das ist, wie man sieht, eine sehr wesentliche Meinungsverschiedenheit. Wer ist der Wahrheit näher gekommen? Wir sind, offen gesagt. der Meinung, daß diese beiden Verfasser von der Wahrheit fast gleich weit entfernt sind, doch wollen und können wir hier: bei dieser Frage nicht verweilen. Für uns ist jetzt etwas anderes von Belang. Wir bitten den Leser, davon Notiz zu nehmen, daß sowohl für Louis Blanc als auch für Rodgers der im gesellschaftlichen Leben vorherrschende ökonomische Faktor selbst eine, um mit der Mathematik zu sprechen, Funktion der menschlichen Natur, und hauptsächlich des menschlichen Verstandes und der menschlichen Kenntnisse war. Dasselbe müßte auch von den von uns oben erwähnten französischen Geschichtsschreibern aus der Zeit der Restauration gesagt werden. Nun, wie soll man dann die historischen Auffassungen der Leute bezeichnen, die zwar behaupten, daß der ökonomische Faktor im gesellschaftlichen Leben dominiere, die aber zu gleicher Zeit davon überzeugt sind, daß dieser Faktor – d. h. die Ökonomie der Gesellschaft – seinerseits eine Frucht der menschlichen Kenntnisse und Begriffe sei? Derartige Anschauungen kann man nicht anders als idealistisch bezeichnen. Der ökonomische Materialismus schließt demnach den historischen Idealismus noch nicht aus. Aber auch das ist noch nicht ganz exakt. Wir sagen: er schließt den Idealismus noch nicht aus, man müßte aber sagen: er kann eine einfache Abart des historischen Idealismus sein und bisher war er es auch meistens. Nach alledem wird begreiflich, warum Leute wie Antonio Labriola sich nicht für ökonomische Materialisten halten: eben deshalb, weil sie konsequente Materialisten sind, und eben deshalb, weil, historisch gesehen, ihre Auffassungen den direkten Gegensatz zu dem historischen Idealismus darstellen.

„Aber“, wird uns wohl Herr Kudrin sagen, „nach der vielen Schülern eigentümlichen Gewohnheit nehmen Sie zu Paradoxen, Wortspielen, Spiegelfechtereien und Schwertschlucken Zuflucht. Bei Ihnen haben sich die Idealisten als ökonomische Materialisten entpuppt. Wie soll man aber in diesem Fall die echten und konsequenten Materialisten verstehen? Lehnen diese etwa den Gedanken der Vorherrschaft des ökonomischen Faktors ab? Erkennen sie denn an, daß neben diesem Faktor in der Geschichte noch andere Faktoren wirken, und daß wir vergeblich nachspüren würden, welcher der Faktoren über die anderen herrscht? Man muß sich über die echten und konsequenten Materialisten nur freuen, wenn sie in der Tat keine Neigung haben, überall den ökonomischen Faktor anzubringen.“

Dem Herrn Kudrin werden wir zur Antwort geben, daß die echten und konsequenten Materialisten in der Tat keine Neigung haben, überall mit dem ökonomischen Faktor anzutanzen. Ja, die Frage selbst, welcher Faktor im gesellschaftlichen Leben vorherrsche, scheint ihnen eine unbegründete Frage zu sein. Aber Herr Kudrin soll nicht vorzeitig frohlocken. Die echten und konsequenten Materialisten sind zu dieser Überzeugung keineswegs unter dem Einfluß der Herren Volkstümler und Subjektivisten gelangt. Für die Einwände, die diese Herren gegen den Gedanken der Vorherrschaft des ökonomischen Faktors vorbringen, haben die echten und konsequenten Materialisten nur ein Lächeln übrig. Außerdem sind die Herren Volkstümler und Subjektivisten mit diesen Einwänden zu spät gekommen. Wie unangebracht die Frage ist, welcher Faktor im gesellschaftlichen Leben vorherrsche, ist schon seit den Zeiten Hegels in Erscheinung getreten. Der Hegelsche Idealismus schloß selbst die Möglichkeit derartiger Fragen aus. Um so mehr schließt sie unser heutiger dialektischer Materialismus aus. Seitdem die Kritik der kritischen Kritik erschienen ist und insbesondere seit dem Erscheinen des bekannten Buches Zur Kritik. der politischen Ökonomie konnten sich nur noch theoretisch rückständige Menschen über die Frage nach der relativen Bedeutung der verschiedenen sozial-historischen Faktoren herumstreiten. Wir wissen, daß unsere Worte nicht allein den Herrn Kudrin in Erstaunen setzen werden, und deshalb beeilen wir uns, deutlicher zu werden.

Was bedeutet das: sozial-historische Faktoren? Wie entsteht die Vorstellung von diesen?

Nehmen wir ein Beispiel. Die Bruder Gracchus sind bestrebt, dem für Rom verderblichen Prozeß des Raubs der gesellschaftlichen Ländereien durch die römischen Reichen Einhalt zu gebieten. Die Reichen leisten den Gracchen Widerstand. Es entspinnt sich ein Kampf. Jede der kämpfenden Parteien verfolgt leidenschaftlich ihre Ziele. Wollte ich diesen Kampf schildern, so könnte ich ihn als einen Kampf menschlicher Leidenschaften darstellen. Dann würden die Leidenschaften als die „Faktoren“ der inneren Geschichte Roms erscheinen. Aber sowohl die Gracchen selber als auch ihre Gegner benutzten im Kampfe die Mittel, die ihnen das römische Staatsrecht gab. Ich werde das natürlich in meiner Schilderung nicht vergessen, und so wird sich da s römische Staatsrecht ebenfalls als Faktor der inneren Entwicklung der römischen Republik erweisen.

Weiter: die Leute. die gegen die Gracchen kämpften, waren an der Aufrechterhaltung des tief eingewurzelten Mißbrauchs materiell interessiert.

Die Leute, die die Gracchen unterstützten, waren an der Beseitigung des Mißstands materiell interessiert. Ich werde auch auf diesen Umstand hinweisen, so daß der von mir geschilderte Kämpf als Kampf materieller Interessen, als Kampf von Klassen, als Kampf ä er Armen gegen die Reichen erscheinen wird. Folglich habe ich schon einen dritten Faktor, und diesmal den interessantesten: den berühmten ökonomischen Faktor. Wenn Sie Zeit und Lust haben, können Sie, lieber Leser, sich weitläufigen Betrachtungen über das Thema hingeben, welcher Faktor der inneren Entwicklung Roms es war, der gerade über alle übrigen dominierte: in meiner geschichtlichen Darstellung werden Sie Material genug finden, uni eine beliebige Auffassung diesbezüglich zu vertreten.

Was mich selbst betrifft, so will ich einstweilen die Rolle des einfachen Erzählers nicht aufgeben, – ich werde mich wegen der Faktoren nicht allzusehr ereifern. Ihre relative Bedeutung interessiert mich nicht. Als Erzähler brauche ich das eine: möglichst genau und lebendig die betreffenden Geschehnisse darzustellen: Dazu muß ich einen gewissen, wenn auch nur äußerlichen Zusammenhang zwischen ihnen herstellen und sie von einer gewissen Perspektive aus gruppieren. Wenn ich die Leidenschaften erwähne, die die kämpfenden Parteien bewegten, oder die damalige Verfassung Roms, oder endlich die dort bestehende Ungleichheit des Besitzes, so tue ich das einzig und allein im Interesse einer zusammenhängenden und lebendigen Schilderung der Ereignisse. Sobald ich dieses Ziel erreicht habe, werde ich mich vollkommen befriedigt fühlen und werde es gleichgültig den Philosophen überlassen zu entscheiden, ob die Leidenschaften über die Ökonomie dominieren, oder die Ökonomie über die Leidenschaften, oder schließlich keines über das andere, da jeder „Faktor“ sich die goldene Regel zunutze macht: leben und leben lassen.

All das wird dann der Fall sein, wenn ich in der Rolle des einfachen Erzählers verbleibe, dem jede Neigung zum Klügeln und Spekulieren fremd ist. Wie aber, wenn ich mich auf diese Rolle nicht beschränke, wenn ich über die von mir beschriebenen Ereignisse zu philosophieren beginne? Dann begnüge ich mich nicht mehr mit dem äußeren Zusammenhang der Ereignisse; dann werde ich ihre inneren Ursachen aufdecken wollen, und gerade diejenigen Faktoren – die menschlichen Leidenschaften, das Staatsrecht, die Ökonomie – die ich früher hervorhob und in den Vordergrund stellte, als ich mich fast nur von künstlerischem Trieb leiten ließ, werden in meinen Augen eine neue gewaltige Bedeutung gewinnen. Sie werden mir gerade als die gesuchten. inneren Ursachen erscheinen, gerade als diejenigen „verborgenen Kräfte“, durch deren Einfluß die Geschehnisse auch zu erklären sind. Ich werde dann eine Theorie der Faktoren aufstellen.

Die eine oder die andere Spielart dieser Theorie muß tatsächlich überall dort entstehen, wo Menschen, die sich für die gesellschaftlichen Erscheinungen interessieren, von der einfachen Betrachtung und Beschreibung dieser Erscheinungen zu der Erforschung des zwischen ihnen bestehenden Zusammenhanges übergehen.

Die Theorie der Faktoren wächst außerdem zugleich mit der wachsenden Arbeitsteilung in der Gesellschaftswissenschaft. Sämtliche Zweige dieser Wissenschaft – Ethik, Politik, Recht, politische Ökonomie u.a. – behandeln eines und dasselbe: die Tätigkeit des gesellschaftlichen Menschen. Aber jeder von ihnen behandelt sie von seinem besonderen Standpunkt aus. Herr Michailowski würde sagen, daß jeder dieser Zweige über eine besondere „Saite“ „verfüge“. Jede „Saite“ kann als Faktor der gesellschaftlichen Entwicklung betrachtet werden. Und in der Tat, wir können jetzt fast ebenso viele Faktoren aufzählen, wie es einzelne „Disziplinen“ in der gesellschaftlichen Wissenschaft gibt.

Nach dem Gesagten wird es hoffentlich klar, was die sozial-historischen Faktoren sind und wie die Vorstellung über sie entsteht.

Der sozial-historische Faktor ist eine Abstraktion, die Vorstellung von ihm entsteht auf dem Wege des Abstrahierens. Dank dem Prozeß des Abstrahierens nehmen die verschiedenen Seiten des gesellschaftlichen Ganzen die Gestalt gesonderter Kategorien an, und die verschiedenen Äußerungen und Ausdrucksarten der Tätigkeit des gesellschaftlichen Menschen – Moral, Recht, ökonomische Formen usw. – werden in unserem Kopfe zu besonderen Kräften, die gleichsam diese Tätigkeit hervorrufen und bedingen, die als ihre letzten Ursachen erscheinen.

Ist einmal die Theorie der Faktoren entstanden, so müssen notgedrungen Diskussionen darüber entstehen, welcher Faktor als der dominierende zu betrachten sei.

Zwischen den „Faktoren“ besteht Wechselwirkung: jeder von ihnen beeinflußt alle übrigen und erfährt seinerseits den Einfluß aller übrigen. Als Ergebnis entsteht ein so verwickeltes Netz von gegenseitigen Einflüssen, direkten und reflektierten Einwirkungen, daß es einem, der sich zum Ziel setzte, sich den Gang der gesellschaftlichen Entwicklung zu erklären, schwindlig wird, und daß er das unwiderstehliche Bedürfnis empfindet, irgendeinen Faden zu finden, um aus diesem Labyrinth zu entweichen. Da die bittere Erfahrung ihn überzeugt hat, daß der Standpunkt der Wechselwirkung nur zum Kopfschwindel führt, so sucht er nach einem anderen Anhaltspunkt; er sucht seine Aufgabe zu vereinfachen. Er fragt sich, ob nicht irgendeiner der sozial-historischen Faktoren die erste Grundursache der Entstehung aller übrigen sei. Würde es ihm gelingen, diese grundlegende Frage im bejahenden Sinne zu entscheiden, so wäre seine Aufgabe in der Tat unvergleichlich einfacher. Nehmen wir an, er habe sich davon überzeugt, daß alle gesellschaftlichen Beziehungen eines jeden gegebenen Landes, in ihrer Entstehung und Entwicklung, durch den Gang der geistigen Entwicklung dieses Landes bedingt werden, und daß dieser, Gang seinerseits durch die Eigenschaften der menschlichen Natur bestimmt sei. (idealistischer Standpunkt). Dann kommt er mit Leichtigkeit aus dem circulus viciosus der Wechselwirkung heraus und schafft eine mehr oder weniger geschlossene und konsequente Theorie der gesellschaftlichen Entwicklung. In der Folge wird er durch ein weiteres Studium des Gegenstandes wohl einsehen, daß er sich geirrt hat, daß man die geistige Entwicklung der Menschheit nicht als erste Ursache der gesamten gesellschaftlichen Entwicklung betrachten kann. Sobald er seinen Irrtum eingesteht, wird er wahrscheinlich gleichzeitig auch merken, daß seine zeitweilige Überzeugung von der Herrschaft des geistigen Faktors über alle übrigen für ihn dennoch von Nutzen war, da er ohne diese Überzeugung den toten Punkt der Wechselwirkung nicht verlassen hätte und im Begreifen der gesellschaftlichen Erscheinungen keinen Schritt vorwärtsgekommen wäre.

Es wäre ungerecht, derartige Versuche zu verurteilen, diese oder jene Rangordnung zwischen den Faktoren der gesellschaftlichen historischen Entwicklung festzustellen. Diese Versuche waren zu ihrer Zeit ebenso notwendig, wie das Auftauchen der Theorie der Faktoren selbst unvermeidlich war. Antonio Labriola, der gründlicher und besser als alle anderen materialistischen Autoren diese Theorie analysiert hat, sagt sehr treffend: „Die historischen Faktoren sind etwas, was viel weniger als Wissenschaft und viel mehr als grober Irrtum ist.“ Die Theorie der Faktoren hat der Wissenschaft einen Teil Nutzen gebracht. „Die spezielle Erforschung der historisch-sozialen Faktoren hat dazu beigetragen – wie jedes empirische Studium, das über die sichtbare Bewegung der Dinge nicht hinausgeht, dazu beiträgt – unsere Beobachtungswerkzeuge zu vervollkommnen, und hat es ermöglicht, in den Erscheinungen selbst, die durch Abstraktion künstlich isoliert wurden, den Zusammenhang zu finden, der sie mit dem gesellschaftlichen Ganzen verbindet.“ In der heutigen Zeit ist das Studium der speziellen Gesellschaftswissenschaften eine Notwendigkeit für jeden, der irgendeinen Teil des vergangenen Lebens der Menschheit rekonstruieren möchte. Die Geschichtswissenschaft wäre ohne Philologie nicht weit gekommen. Und wie große Dienste haben doch der Wissenschaft jene einseitigen Romanisten geleistet, die das römische Recht für niedergeschriebene Vernunft hielten!

Aber wie berechtigt und nützlich die Theorie der Faktoren zu ihrer Zeit auch gewesen sein mag, heute hält sie keiner Kritik stand. Sie zergliedert die Tätigkeit des gesellschaftlichen Menschen, verwandelt deren verschiedene Seiten und Äußerungen in besondere Kräfte, die angeblich die historische Entwicklung der Gesellschaft bestimmen. In der Entwicklungsgeschichte, der Gesellschaftswissenschaft hat diese Theorie dieselbe Rolle gespielt wie die Theorie der einzelnen physikalischen Kräfte in der Naturwissenschaft. Die Errungenschaften der Naturwissenschaften haben zur Lehre von der Einheit dieser Kräfte, zur modernen Energielehre geführt. Ebenso mußten auch die Errungenschaften der Gesellschaftswissenschaft dazu führen, daß die Theorie der Faktoren als Resultat einer gesellschaftlichen Analyse durch eine synthetische Auffassung des gesellschaftlichen Lebens ersetzt wurde.

Die synthetische Auffassung des gesellschaftlichen Lebens ist keine Besonderheit des heutigen dialektischen Materialismus. Wir finden sie schon bei Hegel, der seine Aufgabe darin sah, den ganzen gesellschaftlich-historischen Prozeß, in seiner Gesamtheit genommen, wissenschaftlich zu erklären, d.h. unter anderem samt allen jenen Seiten und Äußerungen der Tätigkeit des gesellschaftlichen Menschen, die dem abstrakt denkenden Menschen als einzelne Faktoren vorschwebten. Als „absoluter Idealist“ erklärte, aber Hegel die Tätigkeit des gesellschaftlichen Menschen aus den Eigenschaften des Weltgeistes. Sind diese Eigenschaften einmal gegeben, so ist die gesamte Geschichte der Menschheit „an sich“, so sind auch ihre Endresultate gegeben. Die synthetische Auffassung Hegels war zu gleicher Zeit eine teleologische Auffassung. Der moderne dialektische Materialismus hat die Teleologie aus der Gesellschaftswissenschaft endgültig verbannt.

Er hat gezeigt, daß die Menschen ihre Geschichte keineswegs dazu machen, um in Bahnen des Fortschritts zu. wandeln, die im voraus vorgezeichnet seien, und auch nicht, weil sie den Gesetzen irgendeiner abstrakten (nach Labriolas Ausdruck – metäphysischen) Evolution gehorchen müssen. Sie machen die Geschichte aus dem Bestreben heraus, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, und die Wissenschaft hat uns zu erklären wie die verschiedenen Methoden der Befriedigung dieser Bedürfnisse die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen und ihre geistige Tätigkeit beeinflussen.

Die Art und Weise der Befriedigung der Bedürfnisse des gesellschaftlichen Menschen, ja, in hohem Grade auch diese Bedürfnisse selbst werden durch die Eigenschaften der Werkzeuge bestimmt, mit deren Hilfe sie sich mehr oder weniger die Natur unterwerfen; mit anderen Worten, sie werden bestimmt durch den Zustand seiner Produktivkräfte. Jede bedeutende Veränderung im Zustand dieser Kräfte spiegelt sich auch in den gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen wider, d.h. unter anderem auch in ihren ökonomischen Beziehungen. Für die Idealisten aller Gattungen und Spielarten waren die ökonomischen Beziehungen eine Funktion der menschlichen Natur; die dialektischen Materialisten halten diese Beziehungen für eine Funktion der gesellschaftlichen Produktivkräfte.

Hieraus folgt: würden die dialektischen Materialisten es für angängig halten, von den Faktoren der gesellschaftlichen Entwicklung in einem anderen Sinne zu reden als zum Zwecke der Kritik dieser veralteten Fiktionen, so hätten sie vor allem die sogenannten ökonomischen Materialisten auf die Veränderlichkeit ihres „dominierenden“ Faktors aufmerksam machen müssen; die modernen Materialisten kennen keine ökonomische Ordnung, die allein der menschlichen Natur entsprechen würde, während alle anderen Arten der ökonomischen Struktur der Gesellschaft mehr oder minder die Folge einer Vergewaltigung dieser Natur wären. Nach der Lehre der modernen Materialisten entspricht der menschlichen Natur jede ökonomische Ordnung, die dem Zustand der Produktivkräfte in der betreffenden Zeit entspricht. Und umgekehrt, jede beliebige ökonomische Ordnung beginnt die Anforderungen dieser Natur zu widersprechen, sobald sie zu dem Zustand der Produktivkräfte in Widerspruch gerät. Der „dominierende“ Faktor ist also einem anderen „Faktor“ unterworfen. Nun, wie steht es nach all dem mit seinem „Dominieren“?

Wenn dem allen so ist, dann ist klar, daß zwischen den dialektischen Materialisten und den Leuten, die man nicht ohne Grund als ökonomische Materialisten bezeichnen kann, ein wahrer Abgrund liegt. Zu welcher Richtung gehören aber jene ganz unangenehmen Schüler des nicht ganz angenehmen Lehrers, gegen die die Herren Karejew, N. Michailowski, S. Kriwenko und andere gescheiten und gelehrten Leute noch vor kurzem mit so viel Leidenschaft, wenn auch nicht mit ebensoviel Erfolg auftraten? Wenn wir uns nicht irren, vertraten die „Schüler“ ganz und gar den Standpunkt des dialektischen Materialismus. Warum haben ihnen dann die Herren Karejew, N. Michailowski, S. Kriwenko und andere gescheiten und gelehrten Leute die Auffassungen der ökonomischen Materialisten zugeschrieben und gegen sie gerade deswegen gewettert, weil sie angeblich dem ökonomischen Faktor eine übertriebene Bedeutung beimessen? Man könnte annehmen, daß die gescheiten und gelehrten Leute das taten, weil die Argumente der ökonomischen Materialisten seligen Andenkens leichter zu widerlegen sind als die Argumente der dialektischen Materialisten. Man könnte aber auch annehmen, daß unsere gelehrten Gegner der Schüler deren Auffassungen schlecht kapiert haben. Diese Vermutung scheint sogar wahrscheinlicher zu sein.

Man wird uns womöglich erwidern, daß die „Schüler“ selber sich mitunter als ökonomische Materialisten bezeichneten und daß die Bezeichnung „ökonomischer Materialismus“ zum erstenmal von einem der französischen „Schüler“ gebraucht worden ist. Das stimmt. Aber weder die französischen noch die russischen Schüler haben je an das Wort „ökonomischer Materialismus“ die Vorstellung geknüpft, die unsere Volkstümler und Subjektivisten mit ihm verbinden. Es genügt, an den Umstand zu erinnern, daß – nach der Meinung des Herrn N. Michailowski – Louis Blanc und der Herr J. Shukowski ebensolche „ökonomische Materialisten“ waren, wie es unsere heutigen Anhänger der materialistischen Geschichtsauffassung sind. Weiter kann die Begriffsverwirrung nicht gehen.

Anmerkung des Übersetzers:

1*. Unter dem „bekannten Lehrmeister“ ist Karl Marx, unter „Schüler“ sind Marxisten zu verstehen.

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